»Dio mio, was das nun wieder für Ideen sind! Als ob Du's hier nicht gut hättest, und als ob wir Dich nicht hegen und pflegen wollten wie eine Königin!«
Elisabeth wurde verwirrt. Alles, was die beiden sagten und einwendeten, war ja vollkommen richtig, und wenn sie ihnen sagte, daß sie es vor Heimweh fast nicht mehr aushielt, würden sie mit Recht verletzt sein und fordern, daß die junge Frau sich beherrsche und nicht einen Schritt unternehme, der rundum Aufsehen und Gerede hervorrufen konnte. Sie versuchte also nur geltend zu machen, daß sie doch einen deutschen Arzt und deutsche Pflege haben wollte, ein Einwand, den Ettore gleich lachend umwarf:
»Als ob Du die nicht hier auch haben könntest! Selbstverständlich wirst Du einen deutschen Arzt und eine deutsche Pflegerin haben, aber mit der Reise nach München wird's nichts. Du mußt Dich schon entschließen, carina, hier bei uns zu bleiben, zu denen Du gehörst!«
Er schloß sie bei diesen Worten in die Arme, streichelte und küßte sie zärtlich, und sie fühlte, daß er recht hatte, und daß sie ihm darum gehorchen mußte. Sie hatte aber trotzdem eine Sekunde lang den Wunsch, aufzuschreien: »Nein, nein, ich gehöre nicht zu Euch!« und war froh, als Ettore und seine Mutter gegangen waren und sie allein ließen mit ihren Gedanken und ihrer Verwirrung. Denn verwirrt war sie in sich und über sich, konnte selbst nicht recht verstehen, warum sie sich im Innern gegen Ettore und die Seinen auflehnte, warum sie mit einemmal nicht zu ihnen gehören wollte. Sie schloß die Augen und atmete tief auf. Ach, wenn erst das Kind da wäre, dann würde alles anders werden! Das Kind würde sie ganz ausfüllen, würde sie entschädigen für alles, was sie in ihrer Ehe oder auch sonst enttäuscht hatte, würde die Leere ausfüllen, die jetzt, trotz aller Zärtlichkeit und Leidenschaftlichkeit, so oft zwischen ihr und Ettore lag. Sie hatte daheim ja so oft gehört, daß es in jeder Ehe Enttäuschungen gäbe, ja, daß die Ehe vor allem in kluger Resignation bestünde, warum also sollte gerade ihr das Los anders gefallen sein? Wenn sie's genau bedachte, hatte sie ja nicht einmal einen wirklichen Grund zu Klage oder Enttäuschung. Sie war umgeben von Liebe, von Wohlleben, von Hoffnungsfreude, und wenn sie zu irgend jemand gesagt hätte, daß sie trotz alledem nicht glücklich war, daß sie etwas vermißte, für das sie keinen Namen fand, und für das sie doch allen Reichtum und Nimbus ihrer Existenz willig hergeben wollte, dann hätte niemand sie verstanden, und jeder hätte ihr wohl lachend gesagt, daß sie Grillen fange, weil es ihr eben gar zu gut ging. Vielleicht war es so. Vielleicht verlor sie sich in fruchtlose Grübeleien, weil ihrem Dasein, das einst tätig gewesen, jetzt jeder tiefere Inhalt fehlte. Vielleicht … Nein, sie wollte sich nicht weiter mit »vielleicht« und »wer weiß« peinigen. Wenn das Kind erst da war, würde alles gut werden, denn auch das hatte sie daheim gehört, daß Kinder das Allheilmittel für jedes Frauenleid sind …
Als die Gondel, die den Obersten vom Bahnhof zum Palazzo brachte, in den kleinen Kanal einbog, stand Elisabeth schon an einem Fenster des oberen Stockwerks, winkte mit der Hand und pochte ungeduldig gegen die Scheiben. Sie war erst vor ein paar Tagen aufgestanden, und der Arzt hatte ihr streng verboten, nach dem Bahnhof zu fahren, weil er sie keiner Zugluft aussetzen wollte: so mußte sie wohl oder übel zu Hause bleiben und voll Ungeduld die Minuten zählen, bis der Vater da sein konnte. Als die Gondel unten, an den bekrönten Pfählen angebunden war, war kein Halten mehr. Elisabeth lief, so rasch sie konnte, die Treppe hinunter, warf sich lachend und weinend dem Obersten an die Brust, der ob dieser Ueberschwenglichkeit etwas verdutzt und fast verlegen dreinschaute. Dann kamen auch schon die Pflegerin und die alte Gräfin herbei, schalten und jammerten über den Ungehorsam der jungen Frau, die doch noch keine Treppen steigen sollte, und Ettore, der hinter seinem Schwiegervater stand, nahm ohne weiteres Elisabeth wie ein Kind auf den Arm und trug sie hinauf in ihr Zimmer, wo das Bettchen des kleinen Priuli stand. Der Oberst war außerordentlich zufrieden. Er besah den Enkel und fand natürlich, daß er ein ungewöhnlich schönes und kräftiges Kind sei, dann wandte er sich zu seiner Tochter:
»Na, Liesel, Du schaust aber gut aus! Scheint Dir nicht schlecht zu gehen bei Deinem Mann!«
»Mir geht's ja auch ausgezeichnet, hauptsächlich jetzt, wo ich Dich wieder habe!« entgegnete Elisabeth strahlenden Gesichts. Sie ergriff die Hand ihres Vaters, drückte sie an ihr Gesicht und küßte sie. Eine Mutter hätte vielleicht aus ihrer übergroßen Freude, aus der ganzen Art, wie die junge Frau sich gab und betrug, gemerkt, daß irgend etwas nicht ganz stimmte, hätte vielleicht gesehen, daß in diesem Antlitz trotz seiner rosigen Fülle ein paar Linien auf der Stirne standen, die nicht vom Glück gezogen waren, daß um den Mund ein kleiner, fremder Zug lag, der vor einem Jahr nach nicht da gewesen war. Der Oberst aber war ein Mann und sah nur, daß die Tochter stärker geworden war, daß sie in diesem Augenblick vor Freude leuchtete, und es fiel ihm mit keinem Gedanken ein, daß eine Frau, die gar so stürmisch nach dem Vater verlangt, wohl in dem Mann nicht alles gefunden hat, was sie in ihm zu finden hoffte. Während seines ganzen Aufenthalts, der sich über mehrere Wochen erstreckte, blieb er arglos, ohne Frage, freute sich über die Tochter und das Enkelkind, über Venedig und all seine Schönheiten, denen er jetzt ja beinahe verschwägert war.
»Weißt Du, Liesel, das ist so schön, daß man in Venedig quasi auch zu Hause ist. Wenn ich jetzt herfahre, habe ich immer das Gefühl, als fahre ich auch ein bissel heim! In meinem Leben hätt' ich mir's nicht träumen lassen, daß ich doch noch einmal in Italien verwurzeln soll. Spät ist's ja gekommen, für mich eigentlich zu spät, aber schön ist's doch!«
Elisabeth sah ihn mit großen Augen an.
»Hast Du wirklich das Gefühl, daß Du hier zu Hause bist?«