Elisabeth schrie auf.

»Sag' solche Sachen nicht, ich kann sie nicht anhören! Wir sind doch alle glücklich, – warum sollte sich auf einmal alles wenden und zum Unglück werden! Du bist zu pessimistisch, Du bist es wohl durch vieles Unglück geworden, aber sprich nicht davon, ich bitte Dich, sprich nicht mehr so, es ist zum Verzweifeln, wenn man Dir zuhört!«

Die Gräfin sah mit abwesenden Blicken auf die junge Frau.

»Poverina, nimm Dir meine Worte nicht weiter zu Herzen, vielleicht bist Du die erste Priuli, die wieder Glück hat; ich hab's nicht gehabt und niemand von uns!«

Sie schwieg wieder eine Weile, sagte dann unvermittelt, fast bettelnd:

»Lisa, wenn ich nur hierbleiben dürfte! Ich mag nicht zu den Lissignolos! Behaltet mich hier, Lisa, ich will Dich auch gewiß nicht mehr mit meinen dummen Reden ängstigen. Denk' nur immer, daß ich eine alte, geschlagene Frau bin, und laßt mich in Gottes Namen hier!«

Elisabeth war von der demütigen Bitte so überrascht und gerührt, daß sie nichts weiter fragte. Sie umschlang die alte Frau und entgegnete aus ehrlichem Herzen:

»Selbstverständlich bleibst Du bei uns, wenn es Dir lieber ist. Vielleicht ist es ganz gut, wenn man die Neuvermählten zu Anfang sich selber überläßt! Es ist wohl nicht gar so leicht, die zweite Frau eines älteren Mannes zu werden, und Eleonore dankt Dir's gewiß noch, wenn Du sie jetzt allein läßt! Bleibe bei uns, wir sind beide sehr zufrieden, wenn Du Dich bei uns behaglich fühlst!«

Die alte Gräfin entgegnete nichts. Sie hatte das Gesicht dem Fenster zugewendet, damit Elisabeth nicht sehen sollte, wie es von Sorgen zerwühlt und von Tränen überströmt war. Die junge Frau sah aber doch an den zuckenden Schultern, daß die Gräfin weinte. Da stand sie leise auf und ging, weil sie dachte, daß es unzart wäre, eine Mutter zu stören, die über ihre Tochter weint.

Die Hochzeit war für Oktober festgelegt. Jeder hatte den Wunsch, die Feierlichkeit auf einen ganz kleinen Kreis zu beschränken. Lissignolo, der schon verheiratete Kinder hatte, war zufrieden, daß seine Braut nicht auf einem Hochzeitsfest bestand, zu dem ganz Venedig vor und in der Kirche zusammenlief, die Priulis wiederum wollten kein großes Aufsehen und keine anstrengenden Festlichkeiten, weil Elisabeth ein zweites Kind erwartete und mehr unter ihrem Zustand litt als das erste Mal. Man lud also von beiden Seiten nur die nächsten Verwandten ein, die Kinder Lissignolos und Carlo Priuli, weil er den Namen trug und fast Haus an Haus mit der Familie der Braut wohnte. Ettore hatte zwar gemeint, daß man von ihm absehen könne, denn er sei doch gar nicht sehr nahe verwandt und habe sich auch nie sehr verwandtschaftlich gezeigt oder benommen, aber Elisabeth meinte, daß er doch einmal zur Familie gehöre, und weil auch die alte Gräfin und Eleonore diese Meinung teilten, gab Ettore nach und lud Carlo ein. Wenn Ettore behauptete, daß sein Vetter sich nicht sonderlich verwandtschaftlich benahm, so hatte er insofern recht, als Carlo mit seinen Verwandten nur einen oberflächlichen Verkehr unterhielt. Denn Carlo hatte Ettore nie besonders gemocht und für verliebte Gänse (wie er Elisabeth im stillen nannte) gar kein Interesse. Er kam wohl ab und zu, sah das junge Paar da und dort in Gesellschaft, und da Elisabeth ihm immer ein heiteres Gesicht zeigte, meinte er, daß sie wirklich genau so töricht sei, wie sie ihm erschienen war, da er sie zuerst kennen lernte. Gegen Ende des Winters wollte es ihm freilich etliche Male scheinen, als ob ihr Gesicht, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, müde und unzufrieden aussah, und er hatte dann wohl gedacht: