»Aha, sie merkt endlich, an wen sie sich gebunden hat!«

Kaum aber hatte er's gedacht, so kam er sich schon sentimental vor und spottete sich selbst aus, daß er für den Ausdruck verborgener Empfindungen nahm, was vermutlich nur Festmüdigkeit war. Als er dann noch hörte, daß bei Priulis abermals ein freudiges Ereignis bevorstand, nannte er sich selbst einen Esel und nahm sich fest vor, sich nie mehr auf die Psychologie junger Frauen einzulassen, weil ein Junggeselle sich damit doch nur blamieren konnte.

Es war am Abend vor der Hochzeit. Im Hause Priuli war schon alles still und dunkel, denn man hatte von einer festlichen Veranstaltung für diesen Abend abgesehen. Ettore war wie jeden Abend so auch heute im Klub, die Gräfin und Eleonore hatten sich längst schlafen gelegt, und auch von der Dienerschaft war kaum mehr einer wach, denn Ettore liebte es nicht, daß man seine Heimkehr erwartete. Elisabeth hatte sich sehr früh zu Bett gelegt, um für die Strapazen des kommenden Tages auszuruhen. Sie lag wachend da, versuchte allerlei harmlose Mittel, um einzuschlafen, zählte, stellte sich ein unablässig wogendes Kornfeld vor, sagte sich allerlei Gedichte her, über denen sie sonst einschlief, aber gerade heute, wo sie die Ruhe so sehr ersehnte, wollte nichts helfen. Sie warf sich von einer Seite auf die andere, fand, daß es im Zimmer unerträglich heiß sei, spürte, wie ihr Herz hastiger und lauter klopfte, und sprang schließlich aus dem Bett, um die Fenster zu öffnen. Da drang eine weiche, von sanftem Duft erfüllte Luft herein, daß die junge Frau sie entzückt einschluckte, als wär's ein Trunk frischen Bergwassers, und am offenen Fenster stehen blieb, um die Kühle zu genießen und hinunterzusehen auf den kleinen, schwarzen Kanal, der so dunkel dalag, daß er nicht einmal das Sternenlicht wiedergab, das vom Himmel auf ihn niederfiel.

Elisabeth stand und sah hinaus, obgleich es um diese Stunde hier nichts zu sehen gab. Weit und breit keine Gondel und kein Ruderschlag, verträumt spannte die schmale Eisenbrücke, die ihn überdachte, ihren Bogen über den kleinen Kanal hin, schweigend lagen die Häuser, die ihn besäumten, und auf den Stufen, die zum Wasser hinunterführten, oder auf dem schmalen Pflasterrand, der hier und da zu einem Gäßchen umbog, erging sich niemand als da und dort der Schatten einer Katze. Ganz still und ganz menschenleer war's ringsum, nur jetzt huschte eine weibliche Gestalt um die Ecke der kleinen Gasse, an der die Bank von San Marco lag. Sie trug das große, schwarze Fransentuch der Frauen aus dem Volk, ging aber nicht barhäuptig mit zierlich frisiertem Haar, wie diese es tun, sondern hatte den Kopf und auch fast das ganze Gesicht mit einem dichten Schleier umwunden, so daß nur die Augen hervorsahen, um den richtigen Weg zu erspähen. Die Beleuchtung hier war sehr schlecht, ein Erkennen der Gesichtszüge nur in nächster Nähe möglich, aber dennoch blickte die Gestalt immer wieder nach allen Seiten scheu um, suchte auch mit prüfender Angst den Palazzo Priuli ab, als fürchtete sie, daß jemand ihr nachgegangen sei oder sie erwarte. Elisabeth, die sie zuerst nur für einen Nachtvogel gehalten hatte, wurde durch das seltsame Gebaren aufmerksam, und wie die Gestalt jetzt leichtfüßig und schnell, aus dem Dunkel der Häuser heraustretend, die kleine Brücke hinanlief, beugte sich Elisabeth weiter aus dem Fenster, um ihr ins Gesicht zu sehen. In diesem Augenblick hob die Frau auf der Brücke den Kopf voll empor, ahnte mehr als sie unterscheiden konnte, daß da jemand am Fenster stand und sie ausspähte. Sie zögerte eine Sekunde, überlegte wohl blitzschnell, ob sie den Weg, den sie eben gekommen war, wieder zurücklaufen sollte, machte dann, wie um sich Mut einzuflößen, eine trotzige Bewegung mit den Schultern und lief auf der andern Seite der Brücke hinab, dem schmalen Steinrand zu, der um den Palast herum zu einer Hintertüre für Dienstboten und Lieferanten führte.

Elisabeth stand und traute noch immer ihren Augen nicht. Schon gleich zu Anfang hatte sie gemeint, die Gestalt zu erkennen, hatte sich aber lächerlich und phantastisch gescholten und eben darum mit um so größerer Aufmerksamkeit verfolgt, als was sich die Frau da unten schließlich ausweisen würde. Nun aber, seit sie, beglänzt vom Sternenlicht, zögernd auf der Brücke gestanden war, um schließlich den Weg zu der Hinterpforte so sicher zu nehmen, wie nur jemand, der den Palazzo genau kannte, nun war kein Zweifel mehr möglich. Elisabeth begriff später niemals, daß sie in jenem Augenblick sich gar nicht mit Empfindungen oder Reflexionen abgab, sondern nur dachte:

»Was aber, wenn die Hinterpforte abgeschlossen ist? Dann muß sie jemand herausläuten, und wir haben morgen, am Hochzeitstag, den Skandal!«

Sie ging vom Fenster weg über den Korridor auf die Treppe zu, beugte sich über das Geländer, um zu hören, ob drunten ein Schlüssel vorsichtig eingesteckt würde und sich drehte.

Sie wagte nicht, Licht zu machen, um nicht durch den hellen Schein irgend jemand zu wecken, fürchtete auch, daß sie die Gestalt, die draußen stand, am Ende verscheuchen und zu unberechenbarem Beginnen treiben könnte. Sie horchte, atmete auf, als jetzt ein ganz leiser Schritt die Treppe im Dunkel heraufhuschte, und hatte doch die Kehle zugeschnürt vor Angst und Erregung. Als die Gestalt die schwere Pforte leise wieder ins Schloß gelegt hatte, knipste Elisabeth das Licht auf. Ein halb unterdrückter Schrei, eine Bewegung zur Flucht. – Und Elisabeth, obwohl sie doch genau wußte, wer da stand, fragte, als könne sie's noch immer nicht glauben:

»Du, Eleonore? Wo kommst Du her?«