»Ich sage nichts, Du brauchst keine Angst zu haben. Du tust mir nur schrecklich leid, so leid, wie ich es Dir gar nicht sagen kann. Und ich möchte Dich auf den Knien bitten: Laß diese unselige Sache mit heute abgetan sein! Versuch's, in Deiner Ehe glücklich zu werden, und hänge weiter keine Gedanken an einen Menschen, der's nicht wert ist, daß er Dir die Schuhbänder löst!«

Eleonore, die sich jetzt wieder gefaßt hatte, sah, daß ihr Spiel gewonnen war, und hielt es darum für klug, ein wenig einzulenken.

»Selbstverständlich ist mit heute alles zu Ende! Ich hätt's nur nicht ertragen, wenn ich ihm nie ganz gehört hätte, nun ist's vorbei, nun will ich Dir folgen und versuchen, so gut es geht, aus meinem Leben noch etwas herauszuholen. Aber Du schweigst, nicht wahr?« setzte sie mit nochmals aufsteigender Angst hinzu. Elisabeth nickte. Eleonore umarmte und küßte sie.

»Gute Nacht, Lisa, ich bin furchtbar müde und will mich ausschlafen.«

Fort war sie. Elisabeth legte sich wieder zu Bett, konnte aber kein Auge zutun. Unablässig hörte sie wieder das leidenschaftliche Geständnis des Mädchens und die Worte: »Ich lass' ihn nicht heute, nicht morgen und niemals auf der Welt!« Freilich, das war vielleicht im Ueberschwang gesprochen, und Eleonore hatte ja auch gelobt, daß mit der heutigen Nacht alles zu Ende sein sollte. Hatte es gelobt, hatte vielleicht auch den Willen dazu, aber Elisabeth fragte sich doch voll Bangen, wie die Ehe, die morgen eingesegnet wurde, wohl gehen würde. Ihr Verstand gab eine Antwort, die ihr Herz nicht glauben wollte.


10.

Venedig im Regen, – nichts Trüberes ist zu denken. Grau und schleimig, wie eine Riesenqualle liegt die Lagune an die Stadt gepreßt, der sie alle Schönheit und alle Lust aufzusaugen scheint. Das leuchtende Weiß und Orangegelb der Paläste ist von einem trüben Grau überströmt, Balkone, Loggien, Friese, die gestern noch wie ein letzter Gruß der Renaissance und des Barock waren, sehen heute gespenstisch, unmotiviert aus, wie Kleinodien fernster Zeit in einem Museum der Toten. Mißmutig, fast bestürzt über eine Unbill, die sie in lachender Sonne völlig vergessen haben, drängen sich die Menschen in den winkligen Gäßchen der Merceria und der Frezzeria, armselig lungern die Gondolieri auf nassen Randsteinen umher. Wer nicht muß, besteigt heute sicher keine Gondel, und wenn eine daherfährt, so ist's, als käme sie vom Begräbnis der letzten, menschlichen Freude. Selbst der Markusplatz mit dem Löwen und dem Kampanile sieht aus wie eine Theaterdekoration, die lieblos ins Tageslicht gestellt und im Regen vergessen worden ist, nur die Vaporetti eilen fauchend und prustend wie immer den Canal Grande auf und ab, als wollten sie mit ihrem Lärm verkünden, daß das Leben, das Leben von heute, niemals stille steht. Aber das Leinendach, das heute über ihr Verdeck gespannt ist, klatscht vor Nässe und flattert wie ein müder Vogel, der sich die Nässe des Gewitters aus den Federn schütteln will, und das Fauchen und Prusten klingt wohl nur so, wie wenn einer recht laut spricht, um sich Mut zu machen, weil er fühlt, daß um ihn her unsichtbare Gespenster stehen. Vom Fischmarkt am Rialto her und aus allen kleinen Kanälen steigt ein seltsamer, beklemmender Geruch von toten Fischen, von zersetzten Muscheln, von fauligem Gemüse. Und die Calle stehen schwarz, undurchdringlich, als lägen auf ihrem schlammigen Grunde immer noch mit verglasten Augen und vermoderten, altfränkischen Kleidern Leichen, an deren Hälsen noch die blauen Fingermale oder die Dolchstiche der Republik zu sehen sind. Regen in Venedig, – wie ein Bußtag hängt er über der Stadt, auf daß sie in Reue alter Frevel gedenke und der Toten, von denen keiner mehr weiß, und deren Verwesungsgeruch heute doch überall schwebt …

Elisabeth saß in ihrem Zimmer und schrieb Briefe an ihre Brüder. Sie hatte vor alle Fenster die Vorhänge gezogen und das elektrische Licht über dem Schreibtisch ausgedreht, obwohl draußen der Kanonenschuß eben den Mittag verkündete. In der Calle war es aber trüber noch als auf dem großen Kanal, und Elisabeth fand seit langem Venedig bei Regen so unerträglich, daß sie es gar nicht sehen wollte und bei schlechtem Wetter nie ausging. Sie konnte sich nicht an den Verwesungsgeruch gewöhnen und mußte dann immer voll schmerzlicher Sehnsucht denken, wie schön ein Regentag daheim in Deutschland war, selbst wenn man ihn im Augenblick als lästig empfand und auf ihn schalt. Wie über die spiegelnde Nässe breiter Straßen unablässig Autos, Straßenbahnwagen, Equipagen jagten, wie Menschen, die gewöhnt waren, mit einem rauhen Klima zu rechnen, sich von ihm weder die Laune noch das fröhliche Gesicht rauben ließen, durch Regen und Wind der Stimme nachliefen, die sie an diesen Tagen wie an allen andern hinausrief zur Arbeit, zum Kampf um das Leben, um das tägliche Brot. Wie aus all dem Lärm und Gewirr und Gehaste die Rasenpläne, die rot und weißen Blütenkerzen der Kastanien, die süßduftenden Flieder- und Jasminbüsche, die flammenden Kolben der Rhododendren auf Anlagen und Plätzen auftauchten, wie all das Grünen und Blühen und Duften sich dem Naß entgegenreckte, das vom Himmel herabfiel, und wie die Regentropfen lustig klatschend von Ästen und Blättern heruntersprangen, als wären sie ausgelassene Schulbuben beim wilden Spiel. Daheim, in Deutschland, genoß man das alles, ohne darüber nachzudenken, meinte wohl, es könne nur so und nicht anders sein, hier aber, an die Riesenqualle gepreßt, merkte man gerade an Regentagen mit leisem Schauder, wie fern diese Stadt der Natur und allem Lebendigen stand. Nicht auf Erde, sondern auf marmornen Fundamenten erbaut, ohne Grün, ohne Vogelsang, ohne den Hufschlag der Rosse, ohne den erregenden Lärm rollender Räder schien sie wider die Gesetze der Natur und der Menschlichkeit gezeugt, und wenn etwas an ihr nicht steinern, sondern natürlich und menschlich war, dann war es mit Schlamm überzogen und roch nach Verwesung. So wenigstens schien es Elisabeth. Die Zeit, da sie Venedig mit den verliebten Augen ihrer Jugend betrachtet hatte, lag weit hinter ihr, und wenn die Fürstin Tassini sie heute gefragt hätte: »Do you like Venise?« so hätte Elisabeth wahrscheinlich gesagt oder wenigstens gedacht, daß sie diese Stadt verabscheute, in deren schlammigen Kanälen die Gallionen ihrer Träume und Hoffnungen schmählich untergegangen waren. Zum erstenmal hatte sie dies Grauen vor der Stadt an jenem Abend empfunden, da sie mit Ettore von der Lügenreise nach seinen Gütern heimkehrte; seitdem war es zuerst sprungweise, dann schleichend immer wieder gekommen, wollte sie nicht mehr verlassen, so sehr sie sich auch gemüht hatte, es zu versuchen und Venedig wieder zu lieben, wie sie es früher geliebt hatte. Sie fand aber das alte Gefühl nie mehr. Vielmehr dachte sie jetzt manches Mal an die Abneigung, die ihr Bruder, der Leutnant Otto, damals, auf ihrer ersten Italienreise, gegen dies Land empfunden hatte, und wenn sie ihn damals belächelt hatte, so gab sie ihm heute recht. An den Marmorquadern dieser unnatürlichen Stadt und an den Geschöpfen, die sie hervorbrachte, an den Gesetzen, von denen sie sich beherrschen ließ, stieß sich jeder die Stirne ein, der mit einem Herzen voll Sehnsucht und Idealen zu ihr kam.