Das Zimmer, in dem Elisabeth saß, war das rosenfarbene Damastboudoir, das Ettore eingerichtet hatte, als sie heirateten. Es hatte immer noch seine kostbaren, überzierlichen Möbel, aber es sah doch ganz anders aus als früher, da es eigentlich nur für die Phantasien einer großen Weltdame bestimmt schien. Allerlei praktische, vom modernen Kunstgewerbe gefertigte Gegenstände hatten die Damaststimmung mehr und mehr verdrängt, zeigten, daß in diesem Raum ein Mensch wohnte, der es gewöhnt war, sich auf sich selbst zu besinnen, und der seine Anregungen nicht von außen her bezog. An den Wänden hingen jetzt neben den Rokokobildern, die sich so stilvoll dem rosenfarbenen Damast angepaßt hatten, allerlei Familienporträte der Schöttlings und ganz moderne Kunstblätter, auf dem Schreibtisch stand in einem bescheidenen Rahmen eine Photographie, welche die beiden Knaben Elisabeths zeigte, ihr gegenüber die ihres Vaters. Auf einem großen Büchertisch lagen sowohl moderne Schriften wie deutsche und französische Klassiker, und die Böcklin-Mappe hielt gute Nachbarschaft mit einem großen, italienischen Werk, das Reproduktionen aus den Uffizien, dem Pitti und der Academia in Venedig barg. Schön und behaglich war das Zimmer, weil man eben überall die Spur eines Menschen, einer Frau fühlte. Doch wie dieser Raum seit wenig Jahren seinen Charakter völlig verändert hatte, so war auch Elisabeth eine andere geworden, als sie damals gewesen, da sie mit ihrem Vater zum erstenmal Venedig grüßte.
Aeußerlich war sie wohl ziemlich die gleiche geblieben. Wer sie zum erstenmal und nur flüchtig sah, mochte denken, daß sie immer noch eine hübsche Blondine war, wer aber schärfer hinsah, merkte, daß auf diese weiße Stirn das Leben schon das grausame Wort geschrieben hatte, in dem schließlich jedes Frauenschicksal ausklingt: »Entsage!«
Die Ehe Priuli sah nach außen noch ziemlich tadellos aus, war aber in Wirklichkeit nichts mehr als eine Fassade, hinter der die Gatten sich unbemerkt immer weiter voneinander entfernt hatten, so daß sie jetzt einander kaum mehr zu unterscheiden vermochten. Die Leere, die Elisabeth schon so bald nach der Hochzeit zwischen sich und ihrem Mann gespürt hatte, war nie auszufüllen gewesen, hatte sich im Gegenteil immer mehr erweitert, so daß sie jetzt oft tagelang kaum anderes zueinander sagten als »Guten Tag« und »Adieu«, nur weil sie sich gar nichts zu sagen hatten. Die Mahlzeiten mit der alten Gräfin waren jetzt meist die einzige Gelegenheit, wo ein Gespräch sich entwickelte, denn die Gräfin füllte wenigstens mit allerlei banalen Reden und Stadtneuigkeiten die Leere aus, die öde und beklemmend zwischen dem Ehepaar lag. Die Kinder aßen nicht mit am Tisch, für kurze Zeit hatte Elisabeth zwar versucht, den älteren Knaben neben sich zu setzen, aber Ettore fütterte ihn unvernünftig mit allen möglichen Speisen, die das Kind nicht essen sollte, gab ihm unter schallendem Gelächter Wein und Kaffee zu trinken, ließ ihm alle Unarten durchgehen, so daß Elisabeth, die ihre Kinder genau so streng und einfach erziehen wollte, wie sie selbst erzogen worden war, den Kleinen wieder ins Kinderzimmer zu dem jüngeren Bruder und der Bonne zurückschickte. Ettore und seine Mutter waren zwar empört, spöttelten über die Pedanterie Elisabeths und begriffen nicht, daß ihr ein Erziehungsprinzip mehr galt als das Vergnügen, den Kleinen bei Tisch zu haben. Elisabeth ließ sie reden und sagte nichts. Sie war's schon so gewöhnt, daß sie mit all ihren Ansichten in diesem Hause allein stand. Zu Anfang freilich hatte sie manches Mal verzweifeln wollen, daß es zwischen ihr und ihrem Mann so gar nichts Gemeinsames mehr gab, nun aber hatte sie gelernt es zu ertragen und hing dem Unabänderlichen nicht weiter nach.
Ettore war immer oder fast immer so heiter, wie nur ein Mensch sein kann, der mit sich und seinem Dasein sehr zufrieden ist. Er führte jetzt das Leben, das er stets erträumt hatte, das Leben des reichen Müßiggängers, und er fühlte sich durchaus nicht bedrückt, daß er es nur dem Geld seiner Frau zu danken hatte. Während Elisabeth sich unter Herzeleid und allen Qualen der Angst von ihm losgerungen hatte, war er lächelnd von ihr weggetänzelt wie von einem Abenteuer, das angenehm war, dessen Zeit aber nun um ist. Wenn er zunächst auch noch leidlich vorsichtig war, so wußte sie doch, daß er in Varietés und untergeordneten Lokalen den vulgären Zerstreuungen nachlief, die schon sein Junggesellenleben geschmückt hatten. Niemals hatte Elisabeth ein Wort oder auch nur eine Anspielung darüber verloren, denn es hätte ihrem Stolz widerstrebt, als eifersüchtige Frau vor ihrem Manne zu stehen. Die kleinen Mädchen waren ja auch noch gar nicht das Schlimmste; viel schlimmer war das andere, das sich ihr unversehens vor etlichen Monaten geoffenbart hatte.
Das war eine Nacht, in der Ettore erst nach Hause kam, als die Morgendämmerung schon mit ruckweisem Flimmern das Dunkel zu verdrängen begann. Es geschah jetzt nicht selten, daß er übermäßig lange im Klub oder sonst bei einem Amüsement blieb, und Elisabeth wunderte sich auch gar nicht mehr, stellte sich schlafend und blinzelte nur unter geschlossenen Lidern nach ihm hin, weniger aus Neugier, als um zu sehen, ob er nicht bald das Licht verlöschte, das ihrer Müdigkeit wehe tat. Sie erschrak, als sie sein Gesicht erblickte. Sie war's wohl gewöhnt, daß er übernächtig heimkam, aber so wie heute war er noch nie gewesen. Sein Gesicht sah fahl und verzerrt aus, das dichte Haar hing ihm in Büscheln zusammengeklebt in die Stirn, die Krawatte war verschoben, der Hut hing auf dem Hinterkopf, und seine Hände zitterten wie von einer großen, inneren Erregung. Er begann sich zu entkleiden, warf achtlos den Hut hierhin, den Rock dahin, knöpfte den Kragen ab, schleuderte ihn in eine Ecke, ließ sich schwerfällig in einen Stuhl fallen und starrte vor sich hin. Bei jedem andern Mann hätte Elisabeth gedacht, daß er betrunken sei, aber sie wußte, wie nüchtern Ettore war und daß er, wo immer er sein mochte, nie um einen Tropfen mehr trank, als er gemächlich vertrug. Es mußte also etwas anderes sein, das ihn so zerwühlt hatte, und weil sie sich nicht denken konnte, was es sei, vergaß sie alles, was zwischen ihnen lag, und rief ihn an. Er fuhr aus seinem Hinbrüten auf, starrte sie einen Augenblick an, fuhr sich mit einer wilden Geste durch die zerzausten Haare, ließ die Arme wieder sinken und verbarg das Gesicht in den Händen wie einer, der zu Ende ist mit seiner Kraft und seinem Denken. Elisabeth fühlte, wie ihr das Herz bis zum Halse schlug vor Angst.
»Ettore! Um Gottes willen, Ettore, sag' doch, was geschehen ist!«
Er ließ die Hände sinken, starrte seine Frau wieder mit gläsernem Blick an, sprang dann auf, schritt heftig gestikulierend, fluchend, nach Unbekannten mit Schimpfwörtern werfend im Zimmer hin und her. Da erfuhr sie's denn: er hatte in dieser Nacht im Klub an 80 000 Lire verloren.
»Verloren, haha, das sagt man wohl so! Verloren, was heißt verloren? Abgenommen haben sie mir's, abgeschwindelt, abgegaunert wie professionelle Falschspieler, diese Lumpen, diese Betrüger, diese …!«
Elisabeth hatte sich im Bett aufgesetzt, sah auf den rastlos hin und her schreitenden Mann und verstand wohl, daß er jetzt Dinge sagte, die er schwerlich verantworten konnte, und an die er bei ruhigem Blut selbst nicht glaubte. Eins nur blieb Wahrheit: er hatte wie ein Wahnsinniger gespielt und verloren. Sie ballte die Fäuste, streckte sie zornig nach ihrem Manne aus, als wolle sie ihn treffen, preßte sie dann vor die Augen und stöhnte zwischen Abscheu und Tränen:
»Ettore, o Ettore, was hast Du getan!«