»Ettore, so peinlich es mir auch ist, so muß ich doch noch zwei Worte über diese Sache sprechen. Ich habe Dir stets meine Bereitwilligkeit gezeigt, all Deinen Wünschen und Neigungen entgegenzukommen, und ich gebe Dir auch heute diesen Scheck, weil ich weiß, daß Spielschulden innerhalb vierundzwanzig Stunden zu bezahlen sind. Aber ein zweites Mal tu ich's nicht, merk' Dir das! Ich habe nicht Lust, das Vermögen der Kinder von Dir verspielen zu lassen. Es heißt ja wohl, einmal ist keinmal, darum wollen wir über das, was gestern nacht war, nicht weiter reden, aber ich bitte Dich um Deinet- und um meinetwillen, tu' es kein zweites Mal, denn es gäbe nur peinliche Szenen und für Dich jedenfalls die unangenehmsten Folgen. Es gibt Dinge, von denen mich kein Mensch auf der Welt, auch Du nicht, abbringen kann. Zu diesen Dingen gehört meine Verachtung für alles, was Spiel und Spieler heißt, und ich würde mich unter keiner, hörst Du, unter keiner Bedingung dazu hergeben, einem Spieler irgendwie zu helfen –«

Ettores Gesicht, das zu Anfang dieser Rede noch lächelnd, ja, ein wenig unterwürfig ausgesehen hatte, wurde jetzt finster, und seine Augen flimmerten zornig. Er sagte grob:

»Beruhige Dich, ich werde Dich nie mehr in Anspruch nehmen. Man ist ja, Gott sei Dank, auf Dein Geld nicht angewiesen!«

»Um so besser für Dich!«

»Ja wahrhaftig! Blut bleibt eben Blut, und Eleonore ist eine Priuli, nicht eine deutsche Kleinkrämerin wie Du!«

Da Ettore so verständlich andeutete, daß er ein andermal den reichen Mann der Schwester in Anspruch nehmen würde, erschrak Elisabeth, wollte aufschreien, daß um nichts auf der Welt Ettore jemals bettelnd zu Lissignolo gehen dürfe, aber sie besann sich und wandte sich nur schweigend von ihm ab.

Von diesem Tage an haßte Ettore seine Frau. – –

Unaufhörlich erwog nun Elisabeth in ihrem Kopf die Frage, ob Ettore wirklich einmal den verächtlichen Mut haben würde, mit fordernder Hand vor seinen Schwager hinzutreten. Sie konnte es nicht glauben, hielt es nur für eine brutale Renommisterei, mit der er sie hatte ärgern wollen, denn sie hatte immerfort das Gefühl, als ob sie alle Lissignolo gegenüber schuldig wären, schuldiger als die alte Gräfin und Ettore freilich sie. In jener Nacht, da sie Eleonore bei der Heimkehr ertappt hatte, war es ihr wohl selbstverständlich erschienen, daß sie das Mädchen nicht verraten, nicht einen ungeheuren Skandal über die ganze Familie heraufbeschwören durfte. Freilich hatte sie damals geglaubt, daß Eleonorens wildes Blut sich in der Ehe sänftigen und daß sie zum mindesten den Versuch machen würde, Herrn Lissignolo eine gute Gattin zu sein. Sie hatte ja nichts, gar nichts von der verwegenen Psychologie dieses Mädchens erfaßt, das zugleich leidenschaftlich und berechnend, alles dem einen Gefühl unterordnete, von dem es beherrscht war, das Gut und Böse kaum mehr unterschied und nichts wollte als den Mann, dem es verfallen war. So lachte denn seit langem schon ganz Venedig über den ältlichen Bankier, der nicht merkte, wie seine Frau ihn betrog, wie sie mit dem Geld, das sie ihm abschmeichelte, zu dem Liebhaber lief, der immer verwöhnter, immer luxuriöser wurde und die Reitpeitsche hob, wenn Eleonore nicht genug brachte. Es schien Elisabeth unbegreiflich, wie dieselbe Frau den einen Mann so schamlos betrügen und dem andern so sklavisch ergeben sein konnte, und zu Anfang glaubte sie auch noch, daß Eleonore sich durch Vorstellungen von ihrem Irrtum abbringen ließe oder daß die Roheiten des Liebhabers sie ernüchtern und zur Besinnung bringen würden. Doch zum zweitenmal täuschte sie sich über diesen Frauencharakter und den Weg, der ihm vorgezeichnet war. Eleonore versprach zwar immer wieder alles, was man wollte, schwur bei allen Heiligen und beim Glauben an ihre ewige Seligkeit, daß sie sich aus den schmählichen Banden lösen würde, konnte nicht genug Schlechtes von dem Liebhaber erzählen, der sie mißhandelte und obendrein noch mit wahnsinniger Eifersucht quälte, lief aber doch wie eine Hypnotisierte zu ihm hin, sobald er schrieb: »Ich erwarte Dich!«

Da Elisabeth sah, daß alles vergebens war, zog sie sich unauffällig von Eleonore zurück, die aber trotzdem fast täglich in den Palazzo Priuli zu ihrer Mutter kam. Niemals betrat Elisabeth die Zimmer der alten Gräfin, wenn Eleonore da war, aber sie hörte bis in ihre Wohnung, daß es zwischen den beiden Damen Priuli häufig nichts weniger als friedlich herging. Sie zankten und schrien miteinander, und Elisabeth wußte, daß der Streit dann immer um Eleonorens Liebhaber ging. Die alte Gräfin hatte freilich nicht genau gewußt, aber doch geahnt und gefürchtet, daß alles so kommen würde, wie es gekommen war, und darum auch hatte sie nicht ins Haus zu der Tochter ziehen wollen. Vor der Zeit alt geworden, begriff sie nichts mehr von der seltsamen Hörigkeit, zu der eine unselige Leidenschaft verdammt, verstand nicht, daß es Eleonore nicht genügte, behaglich im Reichtum zu sitzen, und jammerte immer wieder, daß die Priuli eben kein Glück hätten. Elisabeth sagte ihr dann wohl einmal unter vier Augen: