»Du irrst Dich, die Priuli haben wohl Glück, aber sie geben keines!«

»O, sage das nicht! Sie verlieben sich nur immer in Menschen, die sie dann mißhandeln oder die nicht zu ihnen passen!«

Elisabeth hatte es längst aufgegeben, auf solche Reden zu antworten. Gerne überließ sie den Streit den beiden Damen, die nicht müde wurden, ihn zu erneuern. Mehr als einmal schon war Eleonore erhitzt, mit funkelnden Augen und schiefgerücktem Hut aus dem Zimmer ihrer Mutter gestürzt, hatte laut geschrien, daß es durchs Haus hallte: »Mai più … no, no, mai più …«, aber trotzdem war sie auch am nächsten Tag wieder gekommen, wie an allen vorhergehenden, und unter Tränen und Küssen feierten die beiden Frauen Versöhnung, die freilich kaum bis zum übernächsten Tag anhielt. Als Friedensstifter zwischen ihnen trat nicht selten Ettore auf, der an der Schwester hing wie in früheren Tagen, und mit der man ihn so häufig sah, als wären sie beide unvermählt. Mitunter schrie er die beiden Damen heftig an, daß sie nun endlich Ruhe geben sollten, mitunter brachte er sie durch sein scharmantes Wesen und ein paar Witze zu Heiterkeit, und weil er fühlte, daß er in dem Zimmer seiner Mutter etwas galt und etwas wie eine Macht vorstellte, saß er stundenlang mit der mamma und der Schwester beisammen und redete mit ihnen, was sie alle drei lebhaft interessierte, Nichtigkeiten und Klatsch. Zuweilen legten sie auch gemeinsam Patiencen, die, je nachdem sie ausgingen oder nicht ausgingen, eine Frage bejahten oder verneinten, am öftesten aber rückten sie ihre Stühle näher zusammen, sprachen leiser und sahen verstohlen nach der Tür, als ob draußen die stände, von der sie redeten und flüsterten, – Elisabeth.

Elisabeth dachte aber nicht daran, die Lauscherin zu spielen. Sie wußte, auch ohne daß ihr Ohr es hörte, was in der Wohnung ihrer Schwiegermutter vorging. Verstand, daß dort die fremde Brut saß, die zusammen gehörte und zusammenhielt, und sie hatte mitunter das Gefühl, als müsse sie ersticken vor Zorn und Ekel.

In der letzten Zeit, seit jener Nacht, da Ettore seinen Spielverlust gebeichtet, wendete sie freilich kaum mehr einen Gedanken an die Familienzusammenkünfte bei der alten Gräfin. Sie war jetzt erfüllt von einer beständigen inneren Unruhe, von einer Angst, als ob sie immerfort auf Glatteis dahinginge und jeden Augenblick tödlich stürzen könnte. Was blieb ihr zu tun, wenn Ettore nicht bloß zufällig einmal gespielt hatte, wenn das Spiel für ihn zu einer Leidenschaft wurde, der er besinnungslos alles opferte? Es war nur natürlich, daß sie, die in Offizierskreisen aufgewachsen war, sich über Spiel und Spieler keine Illusionen machte, daß sie ziemlich genau wußte, wie selten es vorkommt, daß einer nur einmal spielt und dann nie wieder. Jede Nacht legte sie sich jetzt mit der Furcht zu Bett, daß die schreckliche Szene von neulich sich wiederholen könne, und immerfort forschte sie heimlich in Ettores Gesicht, ob es heiter war oder verstimmt, horchte sie mit Herzklopfen auf, ob er in den Klub ging oder ob er ungewöhnlich spät nach Hause kam. Doch Woche auf Woche verstrich, Monat reihte sich an Monat, und nichts von dem, was sie ängstigte, war eingetroffen. Ettore war müßig, sorglos und heiter wie immer, nur wenn er zu seiner Frau sprach, hatte sein Mund einen gezerrten Ausdruck, und seine Augen flimmerten wie in verstecktem Haß. Elisabeths gespannte Nerven zitterten nun vor seiner heitern Miene mehr noch als vor seiner verstörten. Wie, wenn alles nur Schein, nur Komödie wäre, wenn er wieder und wieder gespielt hätte und durch die Schwester den Schwager in Anspruch nahm?! Sie fühlte, wie ihr heiß wurde bei der Vorstellung, daß sie vielleicht, ohne es zu wissen, Lissignolo noch mehr verschuldet sei als zuvor, daß vielleicht schon jetzt ganz Venedig bedauernd über sie die Achseln zuckte, geradeso wie über Lissignolo, der ja auch nicht wußte, was ihm geschah …

Neben diese peinlichen Vorstellungen trat eine nicht minder peinliche Wirklichkeit. Bis zu jener verhängnisvollen Nacht hatte Elisabeth die Verwaltung ihres Vermögens ganz und gar ihrem Mann überlassen, nun aber war ihr Vertrauen zu ihm geschwunden, und sie erkannte es als ihre Pflicht, selbst zur Bank zu gehen und sich den Stand ihres Besitzes klar darlegen zu lassen. Sie hatte Mühe, ihren Schreck zu verbergen, als der Beamte ihr die Ziffern des Kontos nannte, denn sie hatte nicht geglaubt, ja nicht einmal geahnt, daß die große Mitgift, die sie ins Haus gebracht hatte, binnen ein paar Jahren so rasch zusammenschmelzen konnte. Man konnte nicht daran denken, je wieder einzuholen, was Ettore in Gedankenlosigkeit oder Freude an Luxus vertan hatte, aber man mußte wenigstens trachten, den Besitz nicht weiter zu mindern und durch kleine, heimliche Einsparungen den allzu großen Haushalt allmählich einfacher zu gestalten. Elisabeth war ja nur ganz kurze Zeit ein reiches Mädchen gewesen, hatte die längste Zeit ihres Lebens die Existenz der armen Offizierstochter geführt, aber es tat ihr jetzt doch bitter weh, daß die schöne Sorglosigkeit dieser letzten Jahre schon wieder vorüber war, daß sie wieder wie einst hinter einer glänzenden Außenseite Geldsorgen und Kümmernisse verstecken sollte.

Seit der Taufe des ersten Kindes war Elisabeths Vater nur mehr vorübergehend in Venedig gewesen. Er ging dem Schwiegersohn aus dem Wege, denn wenn Elisabeth auch nie direkt über Ettore klagte, so las der Oberst doch aus ihrem müden Gesicht und zwischen den Zeilen ihrer Briefe, daß sie nicht glücklich war. Als sie ihm dann in der Erregung über Ettores Spielverlust zum erstenmal einen verzweifelten Brief sandte, antwortete er ihr: »Ich begreife Deinen Schrecken sehr wohl, wenngleich ja ein einmaliges Vorkommnis noch nicht zu der Annahme berechtigt, daß Ettore wirklich ein Spieler ist, zudem wir ja früher nie etwas von einer Leidenschaft für Jeu an ihm bemerkt haben. Aber in Deinem Brief steht noch viel mehr als bloß die Geschichte mit den 80 000 Lire, es stand auch schon in frühern mancherlei, was mich sehr stutzig gemacht hat, über das ich aber schwieg, weil ich es mehr herausgelesen habe, als Du es hineingeschrieben hast, und weil es keinen Sinn hat, über Dinge zu korrespondieren, die sich nicht fassen lassen. Jetzt aber meine ich, daß der Augenblick gekommen ist, wo man oder vielmehr wo ich den Stier bei den Hörnern packen muß. Also: ich bin überzeugt, daß Du gar nicht glücklich bist, und darum sag' ich Dir: ›Nimm Deine Kinder und den Rest des Geldes, den der Conte Priuli noch übriggelassen hat, und komm heim!‹ Venedig mit allem Drum und Dran war offenbar ein großer Irrtum von uns, – gestehen wir uns das ruhig ein, verlassen wir ihn und versuchen wir, Dir in der Heimat ein anderes Glück aufzubauen oder wenigstens Dich wieder zufrieden und ein bißchen heiter zu machen!«

Als Elisabeth diesen Brief gelesen hatte, war's ihr, als ob an einem venezianischen Regentage ein breites Tor im Palazzo Priuli aufspränge, ein Tor, durch das sie die Heimat sah mit Waldesrauschen und Vogelsang, mit Menschen, die sprachen und fühlten wie sie. Wenn sie wollte, konnte sie noch heute durch dies Tor hinausschreiten, der Verheißung entgegen, die da mit allen Stimmen der Sehnsucht rief und lockte und sang. Ueberwältigt von dem Glück, das der Vater vor ihr erschloß, schlug sie die Hände vors Gesicht und war so wirr von jagenden Gedanken, als ob ein beginnendes Fieber seinen unruhigen Traum um sie breiten wollte. Willig überließ sie sich der holden Konfusion ihres Gehirns, das gar keine Pläne schmiedete, keine Entschlüsse faßte, sondern nur, wie von schwerem Druck entlastet, in der Vorstellung schwelgte, daß nun alles Elend hier zu Ende sei und draußen, jenseits des Tors, im Waldesrauschen der Frieden warte. Nach ein paar Stunden aber war dieser Rausch der Empfindung vorüber, und da wußte sie, daß sie dem Ruf des Vaters nicht folgen konnte. So schrieb sie denn am übernächsten Tage an ihren Vater:

»Du glaubst ja gar nicht, wie glücklich mich Dein Brief gemacht hat und wie gern ich ihm und Dir folgen würde, aber es geht doch nicht. Es geht schon ganz einfach deshalb nicht, weil ich im Augenblick keinen triftigen Scheidungsgrund fände, denn wegen der einen Spielschuld würde mich nicht einmal ein deutscher Gerichtshof scheiden, wieviel weniger gälte sie in einem Land, das keine Ehescheidung kennt! Ich habe es hier schon ein paarmal mit angesehen, wie entsetzlich schwer es ist, eine Trennung durchzusetzen, selbst wenn die Schuld des Mannes nach unseren Begriffen klar am Tage liegt. Ich könnte natürlich, wie Du meinst, Kinder und Geld zusammenpacken und zu Dir fahren, aber Ettore würde Hindernis auf Hindernis türmen und sich keinen Augenblick besinnen, mir die Kinder mit Gewalt wegnehmen zu lassen. Er täte es erstens, weil er an ihnen hängt, und zweitens, weil er die angenehme Existenz, die ich ihm biete, nicht ohne weiteres aufgeben möchte. Stelle Dir vor, was das für Aufregungen wären und was für Eindrücke und Erinnerungen für die Kinder! Aber auch abgesehen davon käme ich mir kläglich vor, wenn ich schon jetzt alles verloren geben wollte, was mir doch einmal so viel bedeutet hat. Freilich habe ich längst jeden Glauben an eine Umwandlung Ettores verloren, aber dieser Mann war mir doch einmal so viel, daß ich mich noch immer nicht völlig von ihm losreißen kann. Du wirst das wohl Schwäche nennen, vielleicht auch recht haben, aber im Augenblick käme mir eine Flucht zu Dir doch wie Kleinlichkeit und Feigheit vor. Ich meine, man muß seinen Posten immer bis zuletzt ausfüllen, und wenn man ihn sich noch selbst herausgesucht hat, erst recht. Erst wenn mir das Gesetz und meine eigene Erkenntnis bestätigen würden, daß ich recht tue, wenn ich meinen Mann verlasse, werde ich heimkehren. Bis dahin aber halte ich aus, so schwer es auch mitunter sein mag, denn jetzt haben wenigstens die Kinder Ruhe, während sie, wie ich Dir schon sagte, den gewalttätigsten Szenen ausgesetzt wären, wenn ich fortginge, ohne dazu berechtigt zu sein.«