In all der Zeit, da Elisabeth in Venedig lebte, hatte sie unter den Damen ihres Kreises keine Freundin gefunden. Für alle war sie immer die Fremde geblieben, und sie selbst hatte zu keiner ein Herz gefaßt, hatte sich nie in die Interessen und Anschauungen der andern hineinleben können. Nun aber näherte sich ihr, just in den Tagen, da in den Salons die Legende aus den achtzigtausend Lire bereits zweimalhunderttausend gemacht hatte und jeder mit Neugier auf Elisabeths Gesicht sah, nun näherte sich ihr die Frau, von der sie es am allerwenigsten vermutet hätte, – die Fürstin Tassini.
Seitdem Elisabeth anfing, weniger glücklich und enttäuscht auszusehen, hatte die Fürstin sie mit wachsendem Interesse betrachtet. Wenn auch ihre Miene gleichgültig und ablehnend blieb, so verfolgte sie doch aufmerksam jede Spur, die sich in das Gesicht der anderen Frau eingrub, die wie sie aus fremdem Land hergekommen war, um hier vermutlich dasselbe Schicksal zu erleben wie die Engländerin. Sie sprach jetzt in Gesellschaften Elisabeth öfters an, hielt sie im Gespräch fest, ohne indes je durch einen wärmeren Tonfall oder ein vertraulicheres Wort Freundschaftlichkeit zu verraten. Als dann allmählich durchsickerte, daß die Ehe Priuli doch wohl nicht so gut ging als sie aussah, als die Damen der Gesellschaft merkten oder von ihren Männern und Brüdern erfuhren, daß Ettore wieder wie früher allerlei Abenteuern nachstieg, und als gar erst die Legende von den verspielten Hunderttausenden überall bekannt und besprochen wurde, fragte die Fürstin Elisabeth gelegentlich, ob sie nicht am nächsten Tag den Fünfuhrtee bei ihr nehmen wolle. Elisabeth sagte »ja« und war überrascht. In all den Jahren war sie der Fürstin nur bei großen Festen sowohl im Palazzo Tassini wie in ihrem eigenen Haus oder am dritten Ort begegnet, aber gar nie hatte die Fürstin sie zu einem intimen Beisammensein gebeten. Sie war neugierig, diese Frau unter vier Augen zu sprechen und zu sehen, wie die Fürstin eigentlich war, wenn das Gepränge der großen Gesellschaften und des offiziellen Tons von ihr abfiel. Sie fuhr pünktlich um fünf Uhr am Palazzo Tassini vor, wurde von dem italienischen Haushofmeister empfangen, den sie schon kannte und der sie durch eine Reihe von Gemächern führte, in denen sie schon manches Mal gespeist und getanzt hatte, die aber jetzt kalt und ein wenig düster dalagen. Er geleitete sie, bis sie vor einer hohen Mahagonitür mit getriebenen Goldbeschlägen standen, an der er sich mit einer feierlichen Verbeugung verabschiedete, als sei sein Reich hier zu Ende. Die Tür wurde dann von innen geöffnet, und ein Diener, dem man auf zehn Schritte den Engländer ansah, führte Elisabeth durch ein kleines Vorzimmer zu den intimen Wohnräumen der Fürstin.
Die Fürstin saß in einem Korbstuhl am Fenster, blätterte in »Lady's Pictorial«, stand langsam auf, als Elisabeth eintrat. Sie legte das Journal beiseite, reichte Elisabeth die Hand:
»I'm glad to see you!«
»So I am too!«
Elisabeth hatte mit der Fürstin stets Englisch gesprochen, hatte es aus Liebenswürdigkeit getan und weil sie es von allen um sich her so sah. Hier aber, in diesem Raum schien es unmöglich, überhaupt eine andere Sprache zu Wort kommen zu lassen, denn alles hier trug englische Prägung, war auf englische Anschauungen und Gewohnheiten abgestimmt, und der Haushofmeister draußen hatte wohl recht, wenn er sich so verneigte, als ob hier sein Reich zu Ende wäre. Die Einrichtung des Zimmers, in dem die beiden Damen saßen, war echt Chippendale, alles aus nachgedunkeltem Mahagoni, vermischt mit bequemen, modernen Korbmöbeln, die dem Raum ein ungemein behagliches Aussehen gaben. An den Fenstern hingen helle, sanft abgetönte Gardinen, an den Wänden süßliche Bilder im englischen Geschmack; es gab überall viele Blumen, und auf Borten und Tischen standen und lagen englische Bücher, Zeitschriften und Tageszeitungen umher. Am Fenster, zwischen zwei Korbsesseln, war der kleine Teetisch bereitet, der von kostbarem Silber funkelte, die Kammerjungfer, die bediente, sah nicht weniger englisch aus als der Diener im Vorzimmer und trug die Uniform der englischen Jungfern: das schwarze Kleid, den weißen Umlegekragen und die breiten Manschetten, das kokette, weiße Häubchen und die weiße Schürze. Die Fürstin selbst verriet heute noch deutlicher als sonst ihre Rasse. Sie schien eingeboren in das weichfallende Teekleid aus taubenblauer Seide und sah auf eine gewisse Entfernung mit ihrer schlanken Gestalt und dem rötlichen Haar wie ein junges Mädchen aus. Sie trug auch heute einmal nicht die berühmten Perlen, gerade als ob sie hier durch keine Erinnerung an das gestört sein wollte, was jenseits der Mahagonitür lag. Als die Kammerjungfer den Teekessel angezündet hatte, schickte sie das Mädchen weg, reichte selbst kleine Sandwichs und Kuchen und bemühte sich, das Gespräch mit jenen nichtssagenden Redensarten zu eröffnen, die Elisabeth schon an ihr kannte. Die Fürstin hätte nun allerdings auch bedeutende und originelle Sätze reden können und hätte doch im Augenblick an Elisabeth keine aufmerksame Partnerin gefunden, denn die junge Frau war so überrascht von der durchaus englischen Atmosphäre, die sie hier umgab, daß sie nur Eindrücke auf sich wirken ließ und der Fürstin ganz mechanisch antwortete. So stark war ihr Erstaunen, daß sie es nicht in sich verschließen konnte, vielmehr zu der Fürstin sagte:
»Wie seltsam! Wenn man hier bei Ihnen sitzt, ist man nicht mehr in Venedig, sondern in Ihrer Heimat!«
Die Fürstin nickte.
»Natürlich! Ich könnte nicht sein, wenn ich nicht ein Stück England um mich habe. Wenn es Sie interessiert, zeige ich Ihnen auch gelegentlich einmal meine kleine Church und mache Sie mit meinem Reverend bekannt, der jeden Sonntag für mich Gottesdienst hält!«