»Nun ja, Liverpool oder Edinburg sind eben Handelsstädte, ungefähr so wie bei uns Krefeld oder Bremen, aber Venedig war doch einmal eine Großmacht!«

»War! Was hat man von dem, was war? Heute kommt es mir vor wie eine Gauklerin, die sich mit einer großen Vergangenheit drapiert und ausplündert –«

»Und wir sind das Publikum, das der Gauklerin auf ihre Mätzchen hereinfällt!« sagte Elisabeth und zwang sich zu lächeln, denn sie wollte das Gespräch nicht gar zu ernst und hart werden lassen. Die Fürstin aber fuhr unbeirrt fort:

»Eine Gauklerin ist es, ein Bettelweib, das nichts von uns will als Geld und immer wieder Geld! Haben Sie je schon etwas Geldgierigeres gesehen, als die Venezianer sind?«

Elisabeth hätte gern erwidert, daß doch auch die Engländer nicht gerade als Geldverächter galten, aber selbstverständlich sagte sie es nicht, sondern meinte nur nachdenklich:

»Ach, wenn sie nur geldgierig wären, das wäre noch nicht das Schlimmste! Aber es ist so schwer, sich in das fremde Volk hineinzudenken und hineinzufinden. Ich hab' es bis heute noch nicht gekonnt!«

»Ich hab' es nie gekonnt und will es auch nicht können.«

Sie sprachen noch lange hin und her. Keine erwähnte je ihren Gatten mit Namen, keine sagte ein Wort über ihr eigenes Leben. Aber der Name »Venedig« kehrte immer wieder, und es war zugleich rührend und komisch, wie sie an diesen Namen alles richteten, was eigentlich an den Mann gerichtet sein sollte, wie jeder Schmerz, jede Schande, jede Bitterkeit, die sie von ihm erfahren hatten, immer wieder »Venedig« hieß. So blieb es auch, als die Fürstin die Woche darauf den Tee bei Elisabeth nahm und bei allen künftigen Teestunden im Palazzo Tassini, denn der Fürstin gefiel es jetzt, mit Elisabeth zu plaudern und verschleierte Bekenntnisse auszutauschen. Niemals aber fiel in diesen Gesprächen ein Wort, das ganz persönlich lautete, niemals hieß es »ich« oder »er«, sondern immer nur »man« und »Venedig«. Sie verstanden sich auch so ganz gut, und jede von ihnen empfand es angenehm, daß die Diskretion der andern jede Vertraulichkeit verscheuchte, die vielleicht später einmal bereut werden konnte.

Elisabeth dachte nach dem ersten Besuch lange über die Fürstin nach. Sie hatte, seitdem sie diese Frau zum erstenmal beim Blumenkorso gesehen, niemals das Interesse für sie verloren, wenngleich die Fürstin es nicht zu erwidern schien. Sie dachte nach und sagte sich, daß etwas an dieser Frau interessant war, das nicht offen am Tage lag und mit ihrem Wesen als Frau oder als Dame der Gesellschaft keinen Zusammenhang hatte. Denn die Fürstin war weder geistreich noch besonders gebildet und ihr Ideenkreis sehr beschränkt. Trotzdem konnte man ihrer Erscheinung und dem, was sich in ihr versteckte, nachsinnen, weil man eben fühlte, daß etwas in ihr sehr stark war und nur auf den Augenblick wartete, wo es sich in seiner ganzen Stärke entladen konnte. Ihre geradlinige Engländerei, die sich überall behauptete, sich überall einen besonderen Umkreis schuf, war sicher nur ein Bruchteil davon, aber schon neben diesem Bruchteil kam sich Elisabeth klein und schwächlich vor, da sie ja fast immer versucht hatte sich anzupassen, nie aber sich aufzulehnen und sich durchzusetzen.