Elisabeth verstand ihn noch immer nicht.
»Herrgott, Du bist wirklich naiv! Also, in klaren Worten: Eleonorens Leutnant ist versetzt worden, sein Regiment geht nach Pisa! Ich sage Dir, ich bin so vergnügt darüber, als ob ich das Große Los gewonnen hätte. Nun wird endlich Ruhe werden, und Eleonore wird sich auf sich selber besinnen und sich schämen, daß sie sich an solch einen Windbeutel hing!«
Elisabeth war so erstaunt über das, was sie da hörte, und was so verschieden von dem klang, was sie erwartet hatte, daß sie fragte:
»Ist das wahr? Kommt er wirklich fort?«
»Aber Du hörst es ja, nach Pisa! Ich hab' es mittags im Klub erfahren, und vorhin sah ich Eleonore aus dem Hause rasen. Na, mir tut nur die arme mamma leid, die das alles wieder aushalten muß.«
»Wenn nur wirklich jetzt endlich alles zu Ende ist und Eleonore vernünftig wird!«
Die Worte kamen aus Elisabeths Herzen. In all der Zeit hatte Eleonorens Liebschaft auf ihr gelastet, hatte sie beschämt und erbittert, wenngleich alle um sie her, nicht nur im Palazzo Priuli, sondern auch in der Gesellschaft, über Eleonorens Verfehlung nachsichtig weglächelten. So wenig, wie sie es früher in den Romanen verstanden hatte, so wenig verstand sie es hier, daß um der Liebesleidenschaft willen alles gut heißen sollte, was schlecht war, daß der getäuschte Gatte nur als lächerliche Figur dastand, während Eleonore von einem gewissen Nimbus umstrahlt war. Niemals hatte sich Elisabeth, auch im Innern nicht, als Richterin über die Schwägerin aufgeworfen, nur schweigend hatte sie sich immer mehr von ihr entfernt, bis sie beinahe wie Fremde einander gegenüberstanden. In diesem Augenblick aber, der so etwas wie eine Rückkehr zu ihr erschloß, spürte Elisabeth, daß das Wohlgefallen, das sie auf den ersten Blick an Eleonore gefunden hatte, nicht in ihr erloschen war, und darum meinte sie zweifelnd:
»Wenn nur wirklich alles zu Ende ist!«
»Aber natürlich! Glaube mir, es gibt gar kein besseres Mittel gegen Liebe, als sechs Stunden Eisenbahnfahrt. Ich sage Dir, wie ich heute mittag die Versetzung des Regiments in der Zeitung las, hätt' ich am liebsten einen Luftsprung gemacht!«
Elisabeth konnte seine Zuversicht nicht teilen. Sie dachte an die Szene, die es heute nachmittag bei der Gräfin gegeben hatte, an das Schluchzen und Rasen Eleonorens. Sie sprach Ettore davon, er lachte aus vollem Halse.