Er rannte wütend im Zimmer hin und her, überflutete die entflohene Schwester mit einem Hagel von Scheltworten, die immer roher wurden, je mehr er sich in seinen Zorn hineinwetterte. Ganz allmählich nur und mit beträchtlicher Schwierigkeit bekam Elisabeth die Einzelheiten von Eleonorens Flucht und Ettores Unterredung mit Lissignolo heraus.
Niemand im Hause Lissignolo hatte eine Ahnung von dem Plan der jungen Frau gehabt. Wohl war Eleonore fassungslos gewesen, als sie erfuhr, daß ihr Geliebter nach Pisa versetzt sei, aber just in diesen Tagen war Lissignolo durch Sitzungen und geschäftliche Besprechungen sehr in Anspruch genommen gewesen, und als das Regiment in seine neue Garnison abgerückt war, schien Eleonore sich abgefunden zu haben, war sogar heiterer, als es sonst in ihrer Art lag. Jeder dachte, daß sie den Leutnant alsbald vergessen haben würde, und die jungen Herren Venedigs, die genau über jedes freigewordene Frauenherz orientiert waren, schickten sich schon an, das verlassene Kleinod zu berennen und zu erobern. Eleonore lachte und tändelte mit ihnen wie früher, aber seit heute mittag war sie verschwunden. Lissignolo hatte zuerst gemeint, daß sie sich im Palazzo Priuli verspätet habe, aber als er ihr Zimmer genauer durchsuchte, merkte er, daß es sich hier nicht mehr um eine gewöhnliche Abwesenheit handelte. Wohl hatte Eleonore kaum etwas Wäsche oder Kleider mitnehmen können, denn das wäre im Hause aufgefallen, aber ihr ganzer wertvoller Schmuck war verschwunden, und auf ihrem Schreibtisch lag ein verschlossener, an ihren Mann adressierter Brief. Es standen nur die Worte darin:
»Addio, sei mir nicht böse, aber ich kann nicht anders.
Eleonore.«
Elisabeth saß wie betäubt.
»Was nun? Was kann man denn tun?«
Ettore wußte es selbst nicht. Er faselte in der einen Minute, daß er Eleonore an den Haaren von Pisa nach Venedig zurückschleifen, in der nächsten, daß er den Leutnant über den Haufen schießen wolle, aber eine klare Vorstellung des Kommenden hatte er nicht.
»Wie faßt es Lissignolo auf? Glaubst Du, daß er sie wieder aufnimmt, wenn sie zurückkäme?«
Ettore zuckte die Achseln. Ja, das glaubte er wohl, aber konnte man denn sagen, ob Eleonore an Rückkehr dachte? Nein, es war vielmehr zehn gegen eins zu wetten, daß sie sich nun an den Liebhaber klammern und um keinen Preis mehr von ihm lassen würde. –
Und wieder schalt und wetterte Ettore, während Elisabeth mehr als an die entflohene Frau an den einsamen Mann denken mußte, dem jetzt nicht einmal die öffentliche Schande erspart blieb. Sie erinnerte sich an die Nacht, die Eleonorens Hochzeit voraufging, und stärker als je zuvor hatte sie das Gefühl, daß sie selber mitschuldig war an allem, was sich jetzt offenbarte.