Am nächsten Morgen sehr früh kam Lissignolo. Unwillkürlich wollte Elisabeth davoneilen, als er gemeldet wurde, aber Ettore war noch mit seiner Toilette beschäftigt, und so mußte wohl oder übel sie an seiner Stelle ihn empfangen. Sie war so ergriffen und erregt, daß sie zuerst kaum laut sprechen konnte und ihm nur schweigend die Hand reichte. Er sah grau und verstört aus, wie nach einer schlaflosen Nacht, und die Müdigkeit seiner Bewegungen stach seltsam ab von dem Lärm und den heftigen Gesten, mit denen Ettore gestern das Gemach erfüllt hatte. Als Lissignolo sich gesetzt hatte, fragte Elisabeth leise:
»Haben Sie Nachricht … von … von ihr?« Lissignolo schüttelte verneinend den Kopf. Er entgegnete leise: »Was sollte sie denn schreiben? Was nötig ist, weiß ich ja schon.«
Eine kleine Pause entstand. Elisabeth sprach einige Worte, die ihr selber banal und leer vorkamen. Lissignolo hörte ihr mit gesenktem Haupt zu. Vor sich hinblickend, als zöge er das Fazit einer Rechnung, die unwiderruflich ist, sagte er:
»Nein, nein, man darf sie gar nicht so sehr anklagen! Der Fehler liegt vielmehr an mir. Ich war zu alt für sie. Ein Mann mit grauen Haaren soll nicht solch ein junges Ding an sich fesseln.«
Elisabeth konnte ihm nichts entgegnen. Sie fand ihn bewundernswert, daß er alle Schuld von der Frau nahm, um sich selbst anzuklagen, wenngleich sie nicht recht verstand, daß er, der Mann, sich der Schande beugte, statt sich dagegen zu empören. Sie schwieg eine Weile, suchte Worte, mit denen sie fragen wollte, wagte keines zu wählen, weil ihr jedes, so sanft es auch gemeint war, einen Stachel zu haben schien, der dem Verwundeten weh tun mußte. Schließlich sagte sie aber doch:
»So kann es aber doch nicht bleiben! Man muß doch versuchen, Eleonore wieder heimzuholen … sie kann doch nicht … es ist ja unmöglich …«
Lissignolo schüttelte den Kopf.
»Ich kann sie nicht holen, nein, nein!«
»Sie nicht! Aber vielleicht Ettore oder die Mutter.«
Wieder verneinte der Mann mit einer müden Geste.