Sie hatte, während er sprach, die Arme wieder auf die Knie gestützt, die Schläfen in die Hände gepreßt und sah zu Boden. Leise, unbestimmt dämmerte es in ihr, daß sich in Venedig doch noch etwas barg, was sie bis heute nicht gekannt hatte, daß sie hier vielleicht ein anderes, besseres Glück hätte finden können als Ettore Priuli …

Die Sonne begann langsam hinabzusteigen, von der Lagune her kam ein sanfter, kühler Hauch. Elisabeth nahm den großen Hut ab, legte ihn neben sich, fühlte wohlig, wie der kleine Wind ihr um die befreiten Schläfen strich. Carlo sah auf das gesenkte, feine Profil mit den schmerzlichen Linien um Mund und Wangen, und er dachte bei sich, daß es süß sein müßte, mit der Hand zärtlich über diese blonden Haare zu gleiten und diese Frau voll Phantasie und Wärme auf den Boden der Wirklichkeit zu stellen, der so schwer an ihr rächte, daß sie ihn in einem törichten Mädchentraum verlassen hatte. So saßen sie lange Zeit schweigend, ohne daß ihnen aus dieser Gemeinsamkeit jähes Glück oder Furcht erwachsen wäre. Nichts empfanden sie als ein süßes Behagen, wie den Wohllaut einer Harmonie oder die Verschmelzung zweier Atmosphären, die sich sympathisch waren. Wie dann die Kühle immer mehr lockte, verließen sie die Bank und begannen auf den Parkwegen hin und her zu schlendern. Sie sprachen nicht gar viel, denn jedes hing seinen Gedanken nach und erwog, wie seltsam es sei, daß sie, die seit Jahren einander kannten und gleichgültig aneinander vorbeigegangen waren, heute ohne Vorrede und Umschweife von Dingen zueinander gesprochen hatten, über die man sonst nicht mit gleichgültigen Menschen spricht. Carlo lenkte jetzt die Schritte, ohne daß er selbst es merkte, immer mehr gegen das Ufer hin, bis sie am Rande der Giardini Publici standen und den großen Ausblick hatten auf das Märchenbild, das vor ihnen lag.

Die Lagune lag still und feierlich in tiefem Blau, über dem ein feiner, silberiger Schimmer glitzerte, der vielleicht der Widerschein der lichtgetränkten Luft war, vielleicht der geheimnisvolle Atem des Meeres. Rosenfarben, gleich einem Blütengürtel schmiegte sich die Stadt um sie her, glich mit ihren strahlenden Kuppeln, ihren weißen Türmen, ihren goldfunkelnden Mosaiken einer Spiegelung des Ostens, die ein Magier hierher gezaubert hatte, um dies blaue Meer mit dem Abglanz ihrer Köstlichkeit zu beglücken. Abendsonne lag auf Palästen und Häusern, spiegelte sich in jeder Fensterscheibe, daß jede aufglühte gleich einem Auge und die Stadt aus tausend Augen hinauszublicken schien auf das Meer, das mit breitem Wellenschlag die Lagune bedrängt und sie an sich reißt mit allem, was zu ihr gehört – –

Und hier, am Strande dieses sanften, silberblauen Meeres, neben dem Manne, der es mit flinkeren Handelsschiffen durchpflügen wollte, war es Elisabeth, als enthüllte ihr die Stadt ein drittes Gesicht, – das Gesicht stiller, beharrlicher Arbeit. In feinen, kaum erkennbaren Umrissen, wie die Urschrift eines Palimpsests blickte es schüchtern über das fürstliche Märtyrerinnenantlitz und die kecke, lärmende Gauklerin hin. Wohl stand für dies Gesicht kein Platz an des Königs Tafel bereitet und die Ettores, die Tassinis, und wie sie alle heißen mochten, lächelten geringschätzig über es hin oder versuchten, es mit pathetischen Gesten zu verdecken. Und doch war dies Gesicht das einzige lebendige Erbe, das von einer großen Vergangenheit geblieben war, und eben weil es ein Erbteil verkörperte, das jeden Tag aufs neue bestätigt werden mußte, besaß es auch größere Kraft als alles Abgeschlossene, Tote, und wenn auch nur wenige es kannten und ehrten, so würde doch die Segensbotschaft seines Mundes noch weithin wirkende Kraft haben, wenn alle »Evviva«, aller Hochmut und aller überjährige Größenwahn im Palazzo Reale längst verklungen waren. – –

Nicht deutlich und nicht lange erblickte Elisabeth dies Gesicht. Es glitt nur wie der glitzernde Flügelschlag einer Möwe an ihr vorüber, aber ein Abglanz von ihm blieb über allem, was sie noch dachte und sagte, so daß sie meinte, kaum je einen schöneren Nachmittag erlebt zu haben als diese wenigen Stunden in den Giardini publici.

Als es zu dunkeln begann, fuhren sie zusammen heim.

Unterwegs sagte Elisabeth, die von diesem Nachmittag wie in einem leisen Rausch war:

»Du solltest Dich wirklich etwas mehr um mich bekümmern, Carlo! Ich habe gar niemand, der so mit mir spricht wie Du heute. Und ich fühle jetzt erst, wie furchtbar allein ich immer bin!«

Carlo entgegnete lächelnd: