»Miß Beaufort!«
»O, il Conte Priuli!«
Ja, das war ein seltsames und fröhliches Wiedersehen nach langen Jahren! Sie wollten aber im Augenblick gar nicht wissen, daß viel Zeit zwischen ihnen lag, denn jeder war ganz aufrichtig entzückt vom andern. Ettore suchte alsbald sein halbvergessenes, halsbrecherisches Englisch hervor, um Miß Beaufort zu versichern, daß sie noch viel schöner geworden sei, soweit das überhaupt möglich war, und sie wiederum sah ihn mit dem Lachen an, das ihn einst betört hatte, und entgegnete:
»O, Conte Priuli, Sie sind noch ganz der alte!«
Weil um diese Zeit kaum jemand in den Cafés auf dem Markusplatz saß und ihr beiderseitiges Mitteilungsbedürfnis groß war, setzten sie sich in den kühlen Bogengang, der das »Aurora« umfängt, teilten sich bei Eis und Graniti ihre wichtigsten Lebensschicksale mit.
Miß Beaufort hieß schon lange nicht mehr »Miß Beaufort«. Aus der Heirat mit dem Earl war zwar aus Gründen, die sie nicht angab, nichts geworden, dafür aber hatte sie in Paris den Herzog de Bressières geheiratet, den letzten, völlig entarteten Sprößling seiner alten Rasse, dessen Schulden so beträchtlich waren, daß die Erbinnen Europas davor zurückschreckten. Miß Beaufort aber mit dem praktischen Sinn und dem straffen Säckel der Amerikanerin hatte gefunden, daß jedes Ding seinen Preis hat, und daß man nicht knausern und feilschen dürfe, wenn es sich um eine Herzogskrone handelte. So war sie Duchesse de Bressières geworden, hatte bei ihrer Trauung einen Brautschleier getragen, der mit dem Wappenspruch und den heraldischen Emblemen der Bressières durchwebt war, hatte mit der ganzen Aristokratie des Faubourg Saint-Germain verkehrt und nur ein einziges Mal Anstoß erregt, als sie nämlich einen verlotterten, alten Baron mit einem fürstlichen Gehalt als Portier engagierte. Der Herzog hatte ständig viel Geld verbraucht, sonst aber seine Frau in keiner Weise behelligt und war vor etwa zwei Jahren ohne ersichtlichen Grund gestorben. Auf die Tatsache seines Ablebens schien die Witwe besonderen Wert zu legen, denn sie betonte bei jeder Gelegenheit, daß sie wirklich verwitwet und nicht etwa geschieden war, wie es heutzutage häufiger Brauch ist. Sie faßte das Ableben ihres Gatten offenbar als einen besonderen Vorzug auf und kam sich rührend vor, weil sie ihn ein Jahr lang in Schwarz und mit der weißgeränderten Kreppschnebbe betrauert hatte. Im übrigen war sie frisch und heiter wie immer, bombardierte, während sie sprach, Ettore mit verwegenen Blicken und schloß ihren kurzen Lebensbericht mit den Worten:
»Da Mama ja auch schon lange tot ist und ich niemand mehr habe als Darling, das war der King Charles mit den Ohren und der Atlasschleife, so reise ich wieder in der ganzen Welt umher und suche mein Vergnügen! So bin ich auch wieder nach Venedig gekommen, obgleich die Stadt ja nicht sehr amüsant ist und mir nach Paris und London sehr krähwinkelig vorkommt. Aber schließlich muß man auch wieder einmal etwas Kunst sehen, und auch sonst habe ich ja nur hübsche Erinnerungen von hier mit fortgenommen –«
Sie tätschelte Darling, der stupid und temperamentlos auf ihren Knien lag, versuchte, ihm mit dem Eislöffelchen von ihrem Gefrorenen einzuflößen, blitzte dabei mit ihren kecken Augen Ettore lachend an.
Ihm war wohl, wie seit langem nicht mehr. Die ganze Atmosphäre, die um diese Frau war, belebte, ergötzte ihn wie damals, vor Jahren, weil er aufs neue in ihr das gleichgeartete Geschöpf spürte. Er dachte gar nicht mehr daran, wie ihre innere Roheit ihn einmal verletzt, wie die Abweisung, die er von ihr erfahren, ihn beleidigt hatte, er hörte jetzt nur ihr Lachen, sah die offenherzige Koketterie, mit der sie versuchte, ihn aufs neue zu erobern, und alles, was gewesen war, schwand vor der derben Lebensgier, die von ihr ausging und die seine erweckte.