Die amerikanische Herzogin hatte eigentlich nur einige Tage in Venedig bleiben wollen, nun aber, da sie sich mit einem alten Bekannten so gut unterhielt, verschob sie ihre Abreise auf unbestimmte Zeit. Sie wohnte wieder im Hotel Danieli, führte drei Domestiken und auch eine Gesellschaftsdame mit sich, die freilich meistens sich selbst überlassen war, denn die Herzogin besaß ein großes Talent, überall Bekanntschaften zu machen, und fand dann die Gegenwart der Gesellschafterin überflüssig, wenn nicht gar lästig. Da kam nun Ettore wieder wie einst ins Hotel Danieli, wechselte mit dem Portier, der ihn noch von früher kannte, die gewohnten Redensarten über Wetter und Trinkwasser, saß dann der Herzogin gegenüber und redete mit ihr wenig ernsthafte und sehr viel törichte Dinge, bei denen sie beide sich köstlich amüsierten. Nie sprachen sie von irgend etwas mit wirklichem Gefühl, aber mit einer gewissen trivialen Sentimentalität, die ihnen selber wie Empfindung vorkam, erinnerten sie sich zuweilen an die Zeit, da sie sich zuerst kennen gelernt, und taten dann wohl so, als ob sie inzwischen viel Tiefes und Schmerzliches erfahren hätten. Einmal ergriff Ettore die reichberingten Hände der ehemaligen Miß Maud und fragte mit zärtlichem Vorwurf:
»Maud, böse, süße Maud, warum haben Sie mich damals nicht geheiratet? Wir hätten doch so gut zueinander gepaßt!«
Maud sah ihn ernsthaft und erstaunt an.
»Warum hätt' ich Sie heiraten sollen? Mir stand doch noch die ganze Welt offen, genau so wie heute. Wenn man jung ist, hat man keine so übermäßige Sehnsucht, sich in einer kleinen Stadt zu begraben. Mich reizte die große Welt, an die ich gewöhnt war, und ich habe es auch nicht zu bereuen; der Herzog von Bressières war als Ehemann sehr angenehm, wenn er auch ein bißchen viel Geld gekostet hat …«
Sie lachte bei diesen Worten spitzbübisch, so daß Ettore sich sein Teil über die menschlichen Qualitäten des verstorbenen Herzogs denken konnte. Neid und Zorn stiegen in ihm auf, wenn er bedachte, was mit dieser Frau an ihm vorübergegangen war. Hier, bei ihr und um sie war diese Atmosphäre märchenhaften Reichtums, die ihm stets als das beste vom Leben erschienen war, und inmitten dieser Atmosphäre stand sie so fest, so unbekümmert frisch, ohne Schwerfälligkeit, ohne Gefühlssubtilitäten, die ihn langweilten oder erbitterten. Er dachte an Elisabeth, an sein eigenes Heim, und da war's ihm, als hätte ihn das Schicksal gefoppt, und als müsse er den Tag zehnmal verwünschen, an dem er in übereiltem Groll auf diese hier sich für zeitlebens an das Fräulein von Schöttling gebunden hatte.
Gefühle und Gefühlssubtilitäten kannte die Herzogin von Bressières wirklich nicht, aber ein klein wenig Kulturfirnis hatte sie sich doch im Faubourg Saint-Germain angewöhnt. Sie wußte jetzt schon, daß der Colleoni nicht ein Vorfahre von Ettore Priuli gewesen, und sie affektierte eine Kunstbgeisterung, der zuliebe sie von Galerie zu Galerie eilte und sich nicht mehr damit begnügte, vor jedem Präraffaeliten auszurufen: »O, how lovely!« Sie sprach jetzt ziemlich gewandt, wenn auch ohne wirkliches Verständnis über die lombardische, die toskanische oder die venezianische Schule und erzählte Ettore, daß es ihr Ehrgeiz sei, allmählich die schönste Privatgalerie der Welt zu besitzen. Von irgendeinem System oder einer persönlichen Vorliebe ließ sie sich bei der Erwerbung ihrer Bilder nicht leiten. Sie kaufte nur zusammen, was an berühmten Gemälden gerade zum Verkauf stand, schickte zu allen interessanten Versteigerungen ihre Agenten und ließ soeben in New York einen Palast ausführen, der die künftige Galerie bergen und den Namen »Ducheß of Bressières Gallery« führen sollte.
»So, dear Conte, nun wissen Sie ungefähr, was ich für die nächste Zeit plane! Nun erzählen Sie mir aber auch ein wenig von sich und wie es Ihnen in all der Zeit ergangen ist, seit wir uns zuletzt gesehen haben!«
Ettore zuckte die Achseln, machte ein etwas verdrießliches Gesicht.
»Mein Gott, Herzogin, was kann ich Ihnen von mir viel erzählen! Ich habe mich verheiratet, habe zwei Kinder –«