»Nur reich nach deutschen und nach unseren Begriffen.«

»Ja dann freilich …«

Maud setzte das Gespräch nicht fort, aber um ihren Mund lag ein Zug von geringschätzigem Mitleid, der Ettore verdroß. Und voll Zorn dachte er an Elisabeth, die, wie er meinte, an dieser Beschämung Schuld trug, weil sie sich nicht willig dazu hergab, das Paar in Pisa mit allen Mitteln zu unterstützen.

Noch ehe die Herzogin ihren Besuch im Palazzo Priuli gemacht hatte, lernten sich die Damen auf etwas seltsame Weise in den Giardini Publici kennen. Elisabeth, die jetzt öfters hinüberfuhr, um dort mit Carlo spazierenzugehen, stand mit ihm gerade vor dem Denkmal des am Nordpol verschollenen Leutnants Guerrini, den Carlo persönlich gekannt hatte, und ließ sich über das Leben und Verschwinden dieser tapferen Jugend erzählen, was Carlo davon wußte. Während sie ihm zuhörte, sah sie von ferne ein elegantes Paar den Weg nehmen, der auf das Denkmal zuführte, und erkannte alsbald Ettore mit einer fremden, etwas auffallenden Frau. Die Begegnung wurde allseits oder vielmehr von dreien als peinlich empfunden, nur Maud lachte unbekümmert ein keckes Lachen, das Elisabeth empörte und zugleich so befangen machte, als wäre sie wirklich in irgendeiner Art schuldig gewesen. Als die üblichen Vorstellungsformeln und höflichen Redensarten erledigt waren, gingen die beiden Paare nun anders geordnet in dem großen Park ziellos umher, voran Elisabeth und Maud, hinter ihnen Carlo und Ettore Priuli. Die Stimmung war überall betreten und unbehaglich. Die Männer redeten abgerissen und verdrießlich über allgemeine Dinge, die sie gar nicht interessierten, Elisabeth und Maud suchten Anknüpfungspunkte, fanden sie aber nicht, weil Elisabeth, die wohl merkte, daß sie unversehens in falschen Verdacht geraten war, ihre Befangenheit unter einer kleinen Hochmutsmiene verbergen wollte und doch empfand, daß die Amerikanerin ihr nicht glaubte und sie im Innern belächelte. Während sie so nebeneinander dahingingen, wurde Elisabeths Gesicht immer heißer, ihre Verwirrung immer größer, und sie zermarterte sich den Kopf, um eine Ausrede zu finden, die sie von der lästigen Gesellschaft befreien konnte. Da auch Maud nach einiger Zeit fand, daß sie nun wieder lieber allein mit dem scharmanten Ettore sein wollte, stieg man wieder in die Gondeln, um noch ein wenig in der Lagune umherzufahren und vielleicht irgendwo, wo es einem gerade gefiel, anzulegen. Nun saßen wieder Maud und Ettore, Carlo und Elisabeth beisammen, aber Heiterkeit wollte nur bei dem ersten Paar aufkommen. Die andern beiden blieben schweigsam und fanden sich nicht mehr zusammen, so daß Elisabeth jetzt, wo aller Frohsinn von ihr geschwunden war, mit forschenden Augen ihren Mann und die Amerikanerin betrachtete und sich fragte, ob ihr auch die letzte Demütigung von ihm nicht erspart bleiben sollte … Die Gondel, in der Ettore und Maud saßen, fuhr zuerst im Kielwasser der anderen, langsam aber, ganz langsam blieb sie hinter ihr zurück, und mit kaum merklicher Steuerung der Ruder nahm sie eine andere Richtung, daß sie klein und kleiner zu werden schien und schließlich im Blau der Lagune verschwunden war, ohne daß Carlo und Elisabeth es sogleich bemerkten. –

Einige Tage später erschien die Herzogin von Bressières im Palazzo Priuli. Sie wurde mit großer Liebenswürdigkeit empfangen, nicht nur von Ettore, sondern auch von Elisabeth, die sich heute, in ihrem eigenen Heim, ungleich sicherer fühlte als auf fremdem Boden, und die der Herzogin zeigen wollte, daß sie sich weder schuldbewußt fühlte noch eifersüchtig war. Sie hatte für diesen Besuch, den sie erwartete, sehr sorgfältig Toilette gemacht und gab sich Mühe, nicht befangener und stiller zu sein als die Amerikanerin mit ihrer selbstsicheren Heiterkeit, aber Ettore fand dennoch im stillen, daß seine Frau verblüht, wie ein ausgewischtes Pastell neben der kräftigen Frische Mauds aussah, und daß ihr Anzug bürgerlich wirkte neben der Lorgnonkette, die Maud trug, und die immer abwechselnd aus einem Solitär und einem Rubin bestand. Nach einer halben Stunde etwa stand Maud auf, schüttelte Elisabeth herzlich die Hand:

»Ich hoffe, Contessa, Sie auch bei mir zu sehen, obgleich ich hier ja nur sur la branche lebe! Aber ich denke, daß wir uns auch im Danieli ganz gut unterhalten werden! Und nun, Conte, zeigen Sie mir Ihre Galerie!«

Ettore begab sich mit Maud in die Gemäldegalerie, zeigte ihr die verschiedenen Bilder, erläuterte sie mit eingelernten Phrasen wie ein Kastellan. Maud besichtigte alles, gab ein Urteil ab, das sie für sachverständig hielt, und das Ettore höchst überflüssig fand, weil er überzeugt war, daß sie von Bildern genau so wenig verstand wie er selbst. Vor der ›Dogaressa‹ blieb sie lange stehen, musterte sie zuerst durch das Lorgnon, dann nähertretend mit unbewaffneten, zugekniffenen Augen, trat wieder ganz zurück, legte die Hand beschattend an die Schläfe und sagte schließlich:

»Ungewöhnlich! Ja, das ist etwas Ungewöhnliches!«

Sie überlegte zwei oder drei Augenblicke, wandte sich dann zu Ettore, der einen Schritt hinter ihr und ein wenig beiseite stand:

»Ich will dies Bild kaufen. Was kostet es?«