Den zwölften August. Wir erreichten Gros-Eiland gestern Abend, — eine schöne felsige Insel, mit Buchen-, Birken-, Eschen- und Tannen-Wäldchen bedeckt. Es liegen hier verschiedne Schiffe dicht am Ufer vor Anker, eins davon führt das traurige Krankheitssymbol, die gelbe Flagge; es ist ein Passagier-Schiff und hat Pocken- und Masern-Kranke unter seiner Mannschaft. Sobald sich an Bord Zeichen von ansteckenden Krankheiten äußern, wird die gelbe Flagge aufgesteckt, und die Erkrankten werden in das Cholera-Hospital oder hölzerne Gebäude geschafft, welches auf einer Anhöhe des Ufers errichtet worden ist. Es ist mit Palisaden und einer Soldaten-Wache umgeben.
In einer kleinen Entfernung vom Hospital steht ein temporäres Castell mit einer Besatzung, zur Aufrechterhaltung und Einschärfung der Quarantaine-Vorschriften. Diese Vorschriften gelten als sehr mangelhaft und in mancher Hinsicht als völlig ungereimt; in der That bringen sie den unglücklichen Emigranten bedeutende Nachtheile[4].
Wenn die Passagiere und Mannschaft eines Schiffs eine gewisse Anzahl nicht übersteigen, so ist es ihnen, unter Verantwortlichkeit sowohl des Capitains als des Uebertreters, nicht erlaubt, zu landen; überschreiten sie dagegen die festgesetzte Zahl, — sie seien nun krank oder gesund, so müssen beide — Passagiere und Mannschaft — ans Land gehen, ihre Betten und Kleider mitnehmen, die man auf dem Ufer ausbreitet, um sie zu waschen, zu lüften und zu durchräuchern, wodurch die Gesunden nothwendiger Weise jeder Gelegenheit zur Ansteckung von Seiten der Kranken ausgesetzt werden.
Die Schuppen und Gebäude zur Aufnahme derjenigen, die sich den Quarantaine-Gesetzen unterziehen müssen, stehen in der unmittelbaren Nähe des Hospitals.
Nichts kann größer sein, als mein sehnsüchtiges Verlangen nach der Erlaubniß zum Landen und zur Durchforschung dieser malerischen Insel; das Wetter ist so schön, und die unter dem Einfluß kühler Lüftchen hin und her wogenden grünen Wäldchen, die kleinen felsigen Baien und Einbuchten der Insel erscheinen so reizend und lockend! — aber allen meinen Bitten setzte der besuchende Arzt, welcher an Bord des Schiffs kam, ein entschiedenes Nein entgegen.
Wenige Stunden nach seinem Besuche indeß langte ein indianischer Korb, gefüllt mit Stachelbeeren und Himbeeren, nebst einem Strauße wilder Blumen und dem Compliment dieses Arztes an Bord unsers Kerkers an.
Ich unterhalte mich mit Entwerfung kleiner Skitzen des Castells und der umgebenden Landschaft oder beobachte die am Ufer umherwandelnden Auswandrer-Gruppen. Wir haben bereits die Passagiere von drei Emigranten-Schiffen landen sehen. Man glaubt, einen Meßplatz oder mit Menschen überfüllten Markt vor sich zu haben: Kleider flattern im Winde oder liegen auf dem Erdboden ausgebreitet; überall stößt das Auge auf Kisten, Bündel, Körbe; auf Männer, Weiber und Kinder, die theils schlafen, theils sich in der Sonne weiden; einige sind mit Ordnung ihrer Güter beschäftigt, die Weiber waschen und kochen unter freiem Himmel, neben den Holz-Feuern, die auf dem Strande lodern; während hier und da Gruppen von Kindern in fröhlicher Ausgelassenheit einander haschen und jagen, ihre neuerlangte Freiheit genießend. Mit diesen vermischt zeigen sich die stattlichen Gestalten und bunten Uniformen der Schildwachen, während der dünne blaugraue Rauch der brennenden Holzstöße sich langsam über die Bäume wegwälzt und die malerische Wirkung der Scene erhöht. Als mein Gatte die Aufmerksamkeit eines Offiziers vom Castell, der an Bord des Schiffs gekommen war, auf die malerische Erscheinung vor uns lenkte, erwiederte dieser mit einem traurigen Lächeln: »Glauben Sie mir, daß in gegenwärtigem Falle, so wie in vielen andern, nur die Ferne dem Anblick einen Zauber verleiht; könnten Sie einige von jenen so heiter erscheinenden Gruppen, die Sie bewundern, näher betrachten, so würden Sie, denk' ich, ihr Auge mit siechem Herzen davon abkehren; Sie würden hier die Krankheit in allen ihren Formen, Sie würden Laster, Armuth, Schmuz und Hungersnoth — das menschliche Elend in seinen grellsten Farben und in der abscheulichsten Gestalt erblicken, Scenen, wie sie nur der Pinsel eines Hogarth zu malen, oder die Feder eines Crabbe zu schildern vermöchte.«
Den vierzehnten August. — Wir haben die Anker wieder gelichtet und schwimmen mit der Fluth stromaufwärts. Gros-Eiland liegt gerade fünfundzwanzig englische Meilen unterhalb Quebek, ein günstiger Wind würde uns binnen wenigen Stunden dahin führen; vor der Hand kommen wir nur kleine Strecken vorwärts und legen, wenn uns die Fluth verlassen, bald an dem einen, bald an dem andern Ufer an. Indeß macht mir diese Art zu steuern Vergnügen, indem sie mir Gelegenheit verschafft, beide Seiten des Flusses, der sich, je mehr wir uns Quebek nähern, immer mehr und mehr verschmälert, genauer kennen zu lernen. Morgen werden wir, wofern kein Hinderniß eintritt, im Angesicht eines Ortes ankern, der sowohl wegen der geschichtlichen Erinnerung, welche er weckt, als auch wegen seiner natürlichen schönen Lage alle Aufmerksamkeit verdient. Bis Morgen also Adieu.
Ich rechnete sehr darauf, die Wasserfälle von Montmorenci zu sehen, die sich im Angesicht des Flusses befinden; allein die Sonne ging unter, und die Sterne stiegen glänzend am Himmel empor, ehe wir das Geräusch des Katarakts vernahmen; und ob ich gleich meine Augen anstrengte, bis ich es müde wurde, die von den Schatten der Nacht verschleierte Scenerei anzustarren, so konnte ich doch nichts als die dunkeln, den Canal bildenden Felsen-Massen erkennen, zwischen welchen hindurch die Wassermassen des Montmorenci in den St. Laurence-Fluß strömen.
Am zehnten August, Nachts Um zehn Uhr schimmerten uns die Lichter der Stadt Quebek aus der Ferne, wies ein Sternen-Kranz über dem Wasser, entgegen. Um halb elf Uhr ließen wir der Citadelle gegenüber die Anker fallen, und ich versank in Schlaf, von den mannigfaltigen Scenen träumend, an denen ich vorbeigekommen war.