Einige (englische) Meilen unter Montreal gewann die Gegend ein reicheres und volkreicheres Ansehn; und die in weiter Ferne am Saume des Horizonts sich hindehnende blaue Bergkette fügte der Landschaft keinen kleinen Reiz hinzu. Die reiche Gluth der reifen Saaten bildete einen schönen Contrast mit dem azurnen Himmel und der bläulichen Wasserfläche des St. Laurence. Die Fluß-Scenerei unweit Montreal ist von der unterhalb Quebek sehr verschieden; letztere hat einen wilden rauhen Anblick, und ihre Erzeugnisse sind offenbar die eines kältern, weniger von der Natur begünstigten Klimas. Was der letztern an Großartigkeit und malerischer Wirkung abgeht, ersetzt sie reichlich durch Fruchtbarkeit des Bodens und wärmere Temperatur. In dem untern Theil der Provinz merkt man nur zu sehr, daß die Betriebsamkeit der Bewohner einem widerspänstigen Boden das nöthige Brod abzwingt; während in dem oberen das Land willig scheint, eine mäßige Anstrengung mit Erfolg zu belohnen. Man vergesse nicht, daß dies blos die flüchtigen Bemerkungen einer schnell vorüberwandernden Reisenden sind und sich keineswegs auf persönliche Erfahrung gründen.
Ein Gefühl von Angst und Furcht, das wir einander nicht gern gestehen mochten, um nicht als schwach zu erscheinen, lastete auf unsern Gemüthern, als wir uns der angesteckten Stadt näherten; aber Niemand sprach nur ein Wort davon. Mit welchem ungemischten Entzücken, mit welcher Bewunderung würden wir zu jeder andern Zeit die sich vor unsern Augen erschließende Scene betrachtet haben.
Der Fluß breitet sich hier in ein weites Becken aus, welches mit Inseln gefüllt ist, auf deren größter Montreal liegt.
Der hohe Berg, wovon die Stadt ihren Namen hat, erhebt sich gleich einer Krone über dieselbe und bildet einen eigenthümlichen und großartigen Zug in der schönen Landschaft, der mich an einige einzeln stehende Felsen in der Nachbarschaft von Inverneß erinnerte.
Quebek gegenüber, gerade vor den Flußschnellen (Rapids) ist die Insel St. Helens gelegen, ein Ort von unbeschreiblicher Anmuth. Die Mitte derselben nimmt ein Wäldchen von hohen Bäumen ein, während die sanft nach dem Wasser zu geneigten Ufer mit dem grünsten Rasen bedeckt sind. Dieses schöne Schauspiel wurde noch durch die Erscheinung der auf der Insel in Garnison liegenden Truppen erhöht.
Die Flußufer, dicht mit trefflich angebauten Meiereien besetzt; das Dorf la Prairie, mit der kleinen Insel St. Ann's in der Ferne; die blitzenden Thürme und Dächer der Stadt mit ihren Gärten und Landhäusern, — gewähren in dem sanften Glanze eines canadischen Sonnenuntergangs einen über die Maaßen lieblichen Anblick.
Die zum Abendgebet läutenden Kirchen-Glocken, das murmelnde Getös menschlicher Stimmen, vom Ufer her, mischten sich harmonisch mit dem Rauschen der Flußschnellen. Diese Flußschnellen (Rapids) werden durch eine Senkung des Flußbetts gebildet. An einigen Stellen ist die Neigung allmälig, an andern aber plötzlich und abgebrochen. Wo der Wasserstrom durch Kalkstein- oder Granit-Massen gehindert ist, wie bei den Cascaden, den Cedern und dem Long-Sault, erzeugt er Strudel und Katarakte. Aber die Flußschnellen unterhalb Montreal sind nicht von diesem großartigen Charakter, man erkennt sie blos an der ungewöhnlichen Geschwindigkeit des fließenden Wassers, und an der Trübung der Oberfläche durch Schaum, Wellenschlagen und Wirbel. Um mich kurz zu fassen, ich fand meine Erwartung, etwas besonders Erhabenes zu sehen, getäuscht, und war gewissermaßen halb ärgerlich über diese sich so kleinlich und unbedeutend zeigenden Flußschnellen, durch die uns unser treuer Gefährte, das mit dem Namen Brittsch-Amerika bezeichnete Schiff, glücklich und wohlbehalten bugsirte.
Da der Capitain ungewiß ist, wie lange er sich in Montreal wird aufhalten müssen, so sende ich diesen Brief ohne weiteren Aufschub ab, und denke sobald als möglich wieder zu schreiben.