Ich bemerkte einen besondern Zug an den Gebäuden der sich im Angesicht des Flusses hinziehenden Vorstadt, — nämlich daß sie meistentheils von dem untersten bis zum obersten Stockwerk mit breiten hölzernen Balcons versehen waren. In einigen Fällen umgeben diese Balcons die Häuser auf drei Seiten und scheinen eine Art Außengemächer zu bilden; zu einigen derselben führten breite Treppen von außen hinauf.
Ich erinnerte mich, als Kind von dergleichen Häusern geträumt und sie sehr einladend gefunden zu haben, auch könnten sie dies wirklich sein, wenn sie von rankendem Strauchwerk beschattet und mit Blumen geschmückt wären, um gleichsam schwebende Gärtchen oder süßduftende Laubengänge abzugeben. Aber nichts der Art erfreute unsre Augen, als wir mühsam durch die langen Straßen wanderten. Alle Gasthäuser und Herbergen waren bis unters Dach hinauf mit Auswandrern jedes Alters, aus England, Schottland und Irland, überfüllt. Die Laute wilder Ausgelassenheit, welche aus ihnen hervorbrachen, schienen sich schlecht mit den bleichen eingefallnen Gesichtern mancher dieser gedankenlosen Lärmer zu vertragen.
Der Contrast war für den, der diese Entfaltung äußerer Lustigkeit bei innerem Elend zu würdigen verstand, nur zu fühlbar und schmerzlich.
Die Cholera hatte grauenvolle Niederlagen angerichtet, und ihre heillosen Wirkungen waren an den verschloßnen und verdunkelten Wohnungen und an den Trauerkleidern aller Klassen zu erkennen. Ein Ausdruck von Niedergeschlagenheit und Angst zeigte sich in den Gesichtern der wenigen Menschen, welchen wir auf unserm Wege nach dem Gasthause begegneten, und verriethen uns deutlich den Zustand ihres Innern.
In einigen Stadttheilen waren ganze Straßen fast entvölkert; die, welche konnten, flohen, von Schrecken ergriffen, auf die Dörfer, während andre zurück blieben, um im Schooße ihrer Familie zu sterben.
Keiner Klasse hat sich die Krankheit so verderblich gezeigt, als den ärmern Emigranten. Viele von diesen, geschwächt durch die Entbehrungen und Strapazen einer langen Reise, überließen sich, als sie Quebek oder Montreal erreicht, jeder Ausschweifung, jedem Uebermaß — vorzüglich der Völlerei, und gleichsam als hätten sie sich vorsätzlich den Weg zum gewissen Verderben gebahnt, fielen sie unmittelbare Opfer der Krankheit.
In einem Hause starben elf Menschen, in einem andern siebzehn; ein kleines siebenjähriges Kind blieb allein übrig, das traurige Ereigniß zu verkünden. Diese arme verlassene Waise nahmen die Nonnen in ihre wohlthätige Anstalt auf und erwiesen ihr jede Aufmerksamkeit, welche Menschenliebe nur immer fordern kann.
Die Zahl sowohl aus Katholiken als Protestanten bestehender Wohlthätigkeits-Vereine ist beträchtlich, und diese entfalten eine Duldsamkeit und Freisinnigkeit, welche beiden Confessionen zur Ehre gereicht, indem sie einzig und allein von dem Geiste christlicher Liebe beseelt erscheinen.
Ich wüßte keinen Ort, selbst London nicht ausgenommen, wo die Ausübung wohlwollender Gesinnungen so sehr hervorgefordert würde, als in diesen beiden Städten, Quebek und Montreal. Hier vereinigen sich die Unglücklichen, die von den erforderlichen Mitteln Entblößten, die hülflose Waise, die Bejahrten, der arme aber tugendhafte Mann, den die strenge Hand der Nothwendigkeit aus seiner Heimath von seinem Herde getrieben hat, um in einem fernen, fremden Lande von Krankheit oder Mangel dahin gerafft zu werden.