Es ist ein trauriger Umstand, daß sehr viele der ärmsten Auswandrer, die unter dem Einfluß der Cholera ihr Leben verloren, keine Spur hinterlassen haben, wodurch ihre bekümmerten Freunde im alten Vaterlande über ihr Schicksal in Kenntniß gesetzt werden könnten. Die Krankheit ist so plötzlich, so heftig, daß sie dem Befallnen keine Zeit zu Ordnung weltlicher Angelegenheiten übrig läßt. Die Aufforderung kommt, nicht wie an Hesekiah: »Bringe dein Haus in Ordnung, denn du sollst sterben, und nicht leben!«
Das Wetter ist drückend heiß, von häufigen Gewitter-Schauern begleitet, die aber keineswegs die Wirkung haben, welche man davon erwartet, denn sie kühlen die erhitzte Atmosphäre keineswegs ab. Ich fühle einen Grad von Abspannung und Mattigkeit, der mich sehr verstimmt und schlimmer ist als wirklicher Schmerz.
Anstatt diesen Ort mit der ersten Gelegenheit nach der oberen Provinz verlassen zu können, wie wir uns fest vorgenommen, sehen wir uns genöthigt, zwei Tage länger zu bleiben, woran die Weitläufigkeit und Umständlichkeit der Zollbeamten in Untersuchung unsers Gepäckes schuld ist.
Die Hitze war fortwährend so drückend, daß sie mir nur wenige Ausflüge aus dem Hause verstattete. Ich habe, ausgenommen die Straßen in der Nähe des Gasthofs und die katholische Kirche, wenig von der Stadt und ihren öffentlichen Gebäuden gesehn. Die Kathedrale erhielt meinen Beifall; sie ist in der That ein schönes Gotteshaus, jedoch immer noch unvollendet; so sind die Thürme nicht zu der ursprünglich bestimmten Höhe geführt. Das östliche Fenster, hinter dem Altar, ist siebzig Fuß hoch und dreiunddreißig Fuß breit. Die Wirkung dieses großartigen Fensters, dem Eingange gegenüber, der Altar mit seinen Zierrathen und Gemälden, die verschiednen kleinern Altäre und Kapellen, sämmtlich mit Gegenständen aus der heiligen Schrift verziert, die leichten Gallerien, welche den mittlern Theil der Kirche umgeben, die doppelte Säulen-Reihe, worauf das gewölbte Dach ruht, und die Bogenfenster, Alles vereinigt sich zur Bildung eines schönen Ganzen. Am meisten erfreute mich die äußerste Leichtigkeit des Baustyls, dagegen erschien mir der Anstrich der Säulen in Nachahmung von Marmor zu grob und zu grell; ich vermißte die ernste ehrwürdige Weihe, welche das Alter unsern Kirchen und Cathedralen verliehen hat. Die in grauen Stein gehauenen, grimmig blickenden Köpfe und geflügelten Engel, deren befremdendes Ansehn selbst von einer Zeit erzählt, wo unsre Vorväter innerhalb der geweiheten Mauern ihren Schöpfer verehrten, erhöhen den feierlichen Eindruck und die Ehrwürdigkeit unsrer Gotteshäuser. Allein, wenn sich auch die neue Kirche zu Montreal nicht mit unsrer Yorker-, Münster- oder Westmünster-Abtei oder andern unsrer heiligen Gebäude vergleichen darf, so verdient sie doch jedenfalls die Beachtung des Reisenden, der in Canada auf nichts Aehnliches stößt.
Außerdem enthält Montreal verschiedne Collegien und Nonnen-Klöster, ein Hospital für Kranke, verschiedne katholische und protestantische Kirchen, Versammlungshäuser, ein Wachhaus und mehre andre öffentliche Gebäude.
Der an den Fluß grenzende Stadttheil ist ausschließlich für den Handel bestimmt. Seine engen, schmuzigen Straßen und dunkeln Häuser, mit schweren eisernen Fensterladen, machen einen unangenehmen Eindruck auf den brittischen Reisenden; der andre Theil der Stadt jedoch zeigt ein verschiedenes und besseres Ansehn, die Häuser sind hier mit Gärten und angenehmen Spaziergängen untermengt, die sich aus den Fenstern des Ballsaals im Nelson Hotel dem Auge recht hübsch darstellen. Der eben erwähnte Ballsaal, welcher von der Decke bis zum Fußboden grob mit canadischer Scenerei und Waldlandschaften bemalt ist, gewährt eine prächtige Aussicht auf die Stadt, den Fluß und die ganze Umgegend, welche die fernen Berge von Chamblay, die Ufer des St. Laurence gegen la Prairie hin, und die Stromschnellen ober- und unterhalb der Insel St. Anne's in sich schließt. Der Königliche Berg (Mont Real) mit seinen bewaldeten Seiten, seiner reichen Scenerei und seiner Stadt mit ihren Straßen und öffentlichen Gebäuden entfalten sich den Blicken, und das Auge, welches solchen Gegenständen begegnet, kann der Scenerei von Montreal seinen Beifall nicht versagen.
Unser Wirth, ein Italiener von Geburt und Besitzer des Hotels, erweist uns die größte Aufmerksamkeit. Die Bedienung ist äußerst anständig und zuvorkommend, und die Gesellschaft, mit welcher wir im Gasthofe zusammen treffen, hauptsächlich Auswandrer, wie wir, nebst einigen lebhaften Franzosen, Männern und Weibern, sehr achtbar. Der Tisch ist gut besetzt, und der Preis für Kost und Logis täglich ein Dollar[9].
Die mannigfaltigen Charaktere, aus welchen unsre Tischgesellschaft besteht, gewähren mir viel Unterhaltung. Einige unter den Auswandrern scheinen äußerst sanguinische Hoffnungen zu nähren, sie sind, ihren Aeußerungen nach, eines glücklichen Erfolgs gewiß und glauben auf keine Schwierigkeiten in Ausführung ihrer Pläne zu stoßen. Einen Contrast mit diesen bildet einer meiner Landsleute, der so eben aus dem westlichen Distrikt auf seiner Rückreise nach England hier eingetroffen ist; er beschwört uns, ja nicht weiter aufwärts in diesem abscheulichen Lande zu reisen, wie er die obere Provinz mit sichtbaren Nachdruck zu nennen beliebt, versichernd, daß er um keinen Preis in der Welt darin leben möchte.
Die Lesung von Cattermole's Flugschrift über Auswanderung hatte ihn bestimmt, ein hübsches Pachtgut zu verlassen und sich mit seiner ganzen Habe nach Canada einzuschiffen. Aufgemuntert durch den Rath eines Freundes in diesem Lande, kaufte er einen Strich wilden Bodens im westlichen Distrikt; »aber Sir,« sagte er, indem er seine Worte mit großer Aufregung an meinen Gatten richtete, »ich fand mich aufs schändlichste betrogen. Solcher Boden, eine solche Gegend — nein um alles in der Welt hätte ich nicht da bleiben mögen. Wahrlich! nicht ein Tropfen gutes Wasser, keine eßbare Kartoffel ist daselbst zu erlangen. Ich lebte zwei ganze Monate in einem kleinen Schuppen, den sie Shanty nennen, und wäre fast bei lebendigem Leibe von Musquitos aufgezehrt worden. Es gab nichts zu essen als eingesalznes Schweinfleisch, mit einem Wort, das Elend und die Widerwärtigkeiten waren unerträglich; meine landwirthschaftlichen Kenntnisse und Erfahrungen, als englischer Pachter, halfen mir übrigens fast gar nichts, denn man weiß daselbst nichts von Meiereien und Pachtgütern. Es würde mir das Herz gebrochen haben, wenn ich zwischen den Baumstummeln hätte arbeiten sollen, ohne je etwas einem wohlgepflügten Felde Aehnliches zu sehen. Und dann,« fügte er in sanfterem Tone hinzu, »dachte ich an meine arme Frau und meine kleine Tochter. Ich selbst würde, um meine Verhältnisse zu verbessern, mich allenfalls ein Jahr oder noch länger in dieser Wildniß herumgeplackt haben, aber die Arme! — nein! ich hätte das Herz nicht gehabt, sie den Bequemlichkeiten Englands zu entreißen und in eine Wohnung einzuführen, die nicht so gut ist, als einer unsrer Kuhställe oder Schuppen, und so will ich denn in meine Heimath zurückkehren; und wenn ich nicht meinen Nachbarn erzähle, was für ein abscheuliches Land dieses Canada ist, wohin auszuwandern Alle wie verrückt sind, und wofür sie ihre Pachte aufgeben, so soll man mir nie wieder ein Wort glauben.«
Es fruchtete nichts, daß einige Anwesende ihm zeigten, wie ungereimt es sei, zurückzukehren, ehe er alles gehörig geprüft und versucht habe; er erwiederte ihnen blos, sie wären Thoren, wenn sie in einem Lande, wie dieses, blieben; und endete mit Verwünschung derjenigen, welche ihre Landsleute durch ihre falschen Berichte und Angaben täuschten und auf einigen Seiten sämmtliche Vortheile zusammen stellten, ohne einen Band mit den Nachtheilen zu füllen, was doch sehr leicht sein würde.