»Die Menschen sind nur zu geneigt, sowohl sich als andre zu betrügen,« sagte mein Gatte, »und haben sie ihre Seele einmal auf einen Gegenstand gerichtet, so pflegen sie blos das zu lesen und zu glauben, was ihren Wünschen entspricht.«

Der junge erbitterte Mann hatte sich offenbar in seinen Erwartungen getäuscht gesehen, als er nicht alles so schön und angenehm wie in der Heimath fand. Er hatte wahrscheinlich nie über die Sache nachgedacht, denn andernfalls würde er nicht so thörigt gewesen sein, vorauszusetzen, daß er bei seinem ersten Ansiedelungs-Versuch auf keine Schwierigkeiten stoßen werde. Wir haben uns auf nicht wenige Hindernisse und Entbehrungen gefaßt gemacht, und doch dürften uns noch manche unvorhergesehene begegnen, ob wir gleich durch die Briefe unsers canadischen Freundes so ziemlich von allem in Kenntniß gesetzt sind.

Unsre Plätze in dem nach Lachine abgehenden Postwagen sind bereits gemiethet, und wenn alles gut geht, so verlassen wir Montreal Morgen früh. Unsre Koffer, Schachteln u. s. w. gehen vor uns nach Cobourg ab. — August 22.

Cobourg, den 29. August.

Am Schluß meines letzten Briefes meldete ich Ihnen, Theuerste Mutter, daß wir Montreal am folgenden Tage früh verlassen würden; allein das Schicksal hatte anders über uns verfügt, und wir erfuhren die Wahrheit jener Worte: — »Rühme dich nicht dessen, was du morgen thun willst, denn du weißt nicht, was die nächste Stunde mit sich bringen wird.« In der Frühe besagten Morgens, noch vor Sonnenaufgang, wurde ich von den Symptomen der verderblichen Krankheit heimgesucht, die so manche Häuser verödet hat. Ich zwar zu krank, um meine Reise antreten zu können, und hörte mit schwerem Herzen die knarrenden Räder vom Thorwege des Gasthofs über das Pflaster rumpeln.

Ich wurde stündlich schlechter, bis mir die Schwester der Wirthin, ein treffliches junges Frauenzimmer, die mir schon zuvor große Aufmerksamkeit erzeigt, nach einem Arzt zu senden rieth; mein Gatte, der, als er mich so leiden sah, fast in Verzweiflung war, eilte sogleich fort, um den besten ärztlichen Beistand herbeizuholen. Nach einigem Verzug war ein Arzt ausfindig gemacht. Ich litt zu dieser Zeit furchtbare Qualen, fühlte mich aber nach einem Aderlaß und den nachfolgenden heftigen Krankheits-Anfällen etwas erleichtert. Ich will mich in keine umständliche Schilderung meiner Leiden einlassen, genüge es, zu sagen, daß sie fast unerträglich waren; aber Gott in seiner Gnade, obwohl er mich züchtigte und mit Schmerzen heimsuchte, wollte mich noch nicht sterben lassen. Von den weiblichen Gliedern des Hauses erfuhr ich die liebreichste Behandlung. Anstatt aus Furcht das Krankenzimmer zu fliehen, stritten sich die beiden irischen Mädchen fast mit einander, welche von beiden bei mir bleiben und meiner warten und pflegen sollte, während Jane Taylor, das zuvor erwähnte achtbare Frauenzimmer, mich von dem Augenblick an, wo meine Krankheit auf eine so beunruhigende Weise zunahm, bis zur eintretenden Besserung nicht eine Minute verließ und mit eigner Lebensgefahr, wenn der innere Kampf eintrat, in die Arme nahm, an ihre Brust drückte und abwechselnd bald mir zuredete, bald meinen armen trauernden Gatten zu trösten suchte.

Die angewendeten Mittel waren Aderlaß, Opium, blaue Pillen und ein Neutralsalz — aber nicht das gewöhnliche Epsomer. Die Cur zeigte sich wirksam, wiewohl ich viele Stunden hindurch an heftigem Kopfweh und andern Zufällen litt. Die Schwäche und das leichte Fieber, welche an die Stelle der Cholera traten, fesselten mich einige Tage an das Bett; während der beiden ersten besuchte mich mein Arzt täglich viermal; er war sehr theilnehmend, und als er erfahren, daß ich die Gattin eines brittischen auf seinem Wege nach der oberen Provinz begriffnen Offiziers sei, schien er sich für meine Wiedergenesung mehr als jemals zu interessiren, und zeigte eine Theilnahme für uns, die unsern Gefühlen äußerst wohlthätig war. Nach einem lästigen Krankenlager von mehren Tagen wurde ich endlich für so weit genesen erklärt, um meine Reise antreten zu können, indeß war ich noch sehr schwach und konnte mich kaum aufrecht erhalten.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als der Postwagen, der uns nach Lachine, die ersten neun (englischen) Meilen unsrer Reiseroute, führen sollte, vor der Thür des Gasthofs erschien, und wir von einem Orte, wo wir der angstvollen Stunden so viele, der fröhlichen so wenige erlebt, Abschied nahmen. Indeß war uns von unsern Umgebungen im Gasthofe, obgleich vollkommnen Fremden, viel Liebes und Gutes wiederfahren, wir hatten uns jener Gastfreundschaft erfreut, wegen welcher Montreal so oft gerühmt worden ist.

Ich habe vergessen, Ihnen in meinem letzten Briefe zu sagen, daß wir Bekanntschaft mit einem höchst achtbaren Kaufmann an diesem Platze gemacht, der uns sehr nützliche Belehrung über viele Dinge ertheilt und bei seiner Gattin, einem äußerst gebildeten und vollendeten jungen Frauenzimmer eingeführt hat. Während unsrer kurzen Bekanntschaft brachten wir, sehr zu unsrer Zufriedenheit, einige angenehme Stunden in ihrem Hause zu.

Ich genoß des frischen Luftstroms vom Flusse her, längs welchem sich die Fahrstraße hinzieht. Es war ein herrlicher Anblick, die unbewölkte Sonne hinter der fernen Bergkette emporsteigen zu sehen; unter uns lagen die wild brausenden Stromschnellen, dort die Insel St. Anne's, welche uns an Moore's canadisches Bootsmanns-Liedchen »Laßt zu St. Anne's uns singen den Abschiedsgesang« u. s. w. erinnerte.