Das Ufer des St. Laurence, längs welchem unser Weg liegt, ist hier erhabner als bei Montreal, auf seiner Höhe mit Buschholz bekleidet und gelegentlich durch schmale Abzugs-Gräben zum Ableiten des Wassers unterbrochen. Der Boden war, so viel als ich davon sehen konnte, sandig oder leichtlehmig. Ich sah hier zuerst die wilde Weinrebe sich zwischen den jungen Bäumchen hinranken, deßgleichen Brombeerbüsche und einen Ueberfluß von jener hohen gelben Blume, die wir Goldruthe (Solidago virga aurea) nennen, ferner das weiße Gnaphalium (Ruhrkraut), dasselbe, woraus die französischen und schweizer Bauer-Mädchen Kränze zur Schmückung der Gräber ihrer Freunde flechten und die sie Immortelle (Unsterblichkeitsblume) nennen[10]; endlich eine hohe, purpurblumige Baldrian-Art, die auf den Feldern unter dem Korn eben so häufig steht, als die Ochsenzunge auf unsern leichten Sandfeldern in England.

Zu Lachine stiegen wir aus dem Postwagen und gingen an Bord eines Dampfboots, eines recht hübschen und mit jeder Bequemlichkeit versehnen Fahrzeugs. Die Fahrt den Fluß hinauf machte mir viel Freude, und überhaupt würde ich die Reise sehr angenehm gefunden haben, wäre ich nicht durch meine nur erst überstandne Krankheit so sehr geschwächt gewesen, daß mir die holperigen Straßen sehr viel zu schaffen machten. Das Fuhrwerk anlangend, ein canadischer Postwagen, so verdient es weit größeres Lob, als Reisende ihm gewöhnlich zu ertheilen beliebt haben, und es ist für die Wege, auf welchen es hin- und hergeht, so wohl geeignet, daß ich zweifle, ob es mit einem zweckmäßigeren vertauscht werden könne. Dieser Wagen faßt neun Personen: drei hinten, drei vorn, und drei in der Mitte; der Mittel-Sitz, welcher in breiten Lederriemen hängt, ist bei weitem der bequemste, und hat für die Inhaber nur den Nachtheil daß sie durch das Aus- und Einsteigen der Passagiere gestört werden.

Gewiß ist das Reisen mit so weniger Störung für den Passagier als möglich verbunden, hat man sein Passagier-Geld zu Prescott entrichtet, so braucht man für weiter nichts zu sorgen. So wie der Reisende das Dampfboot verläßt, steht auch schon der Postwagen zur Aufnahme seiner Person und seines Gepäckes, das auf ein gewisses Verhältniß beschränkt ist, bereit; ist der Postwagen an Ort und Stelle angelangt, so ist wieder das Dampfboot da, wo man jede Bequemlichkeit findet.

Außer ihrer eignen Ladung nehmen die Dampfschiffe stromaufwärts in der Regel verschiedne andre Fahrzeuge ins Schlepptau. Wir bugsirten zu einer Zeit drei Durham-Böte und überdies mehre kleine Nachen, die dem Auge jedenfalls Abwechselung und Unterhaltung gewährten.

Mit Ausnahme von Quebek und Montreal, muß ich der obern Provinz den Vorzug geben. Die Scenerei, wenn auch nicht so großartig, ist doch mehr geeignet, dem Auge zu gefallen, indem sich überall Spuren von reger Betriebsamkeit, Fülle und Fruchtbarkeit zeigt. Wenn ich im Postwagen auf der Straße dahinrolle, entzücken mich die Nettigkeit, Reinlichkeit und das bequeme, behagliche Ansehn der Bauerhütten und Meiereien. Log-Häuser oder Shanty's kommen nur selten vor, an ihre Stelle sind hübsch gezimmerte, in besserem Styl gebaute und oft mit Bleiweiß oder blaßerbsgrün angestrichne Wohnungen getreten. Im Umkreise dieser Hausstätten erblickt man Obstgärten, deren Bäume von der reichen Last, — Aepfel, Pflaumen, und der amerikanische Holzapfel, jene schöne scharlachrothe Frucht, die wir im Vaterlande so häufig eingemacht als Dessert genießen, — niedergebogen waren.

Hier gewahrt man kein Zeichen von Armuth oder dem in ihrem Gefolge einhergehenden Elend; keine zerlumpten, schmuzigen Kinder wälzen sich im Kothe oder Staube herum; wohl aber stößt man auf manche hübsche, vor der Hüttenthür spinnende Dirne, mit ihren glänzenden Augen und wohlgeordneten Flechten, während die jüngeren Mädchen auf dem grünen Schwaden oder der Hausschwelle sitzen und stricken und lustig wie die Vöglein bei ihrer Arbeit singen.

Die großen Spinnräder, welche hier zu Lande zum Spinnen der Wolle üblich sind, haben etwas sehr Malerisches, und wenn die canadischen Mädchen auf gefällige Haltung des Körpers und zierliche Bewegungen bedacht wären, so könnte nichts geeigneter sein, eine schöne Körperform in vortheilhaftestem Lichte zu zeigen, als das Spinnen mit diesem Rade. Die Spinnerin sitzt nicht, sondern geht hin und her, zieht das Garn mit der einen Hand aus und dreht mit der andern das Rad.

Ich bemerkte oft, wenn wir an den Meier-Hütten vorüber kamen, Garn von verschiedner Farbe an den Einfriedigungen der Gärten und Obstpflanzungen zum Trocknen aufgehängt, allerlei Farben: Grün, Blau, Purpur, Braun, Roth und Weiß wechselten mit einander ab. Eine artige Wirthin, vor deren Schenke wir hielten, um die Pferde zu wechseln, sagte mir, daß dieses Garn erst gesponnen und nachmals von den Hausfrauen, bevor es auf den Webestuhl komme, gefärbt werde. Sie zeigte mir einige Proben von dergleichen haussponnenen Zeugen, die sich in der That nicht übel ausnahmen. Die Farbe war ein mattes Dunkelbraun, und die Wolle rührte von einer schwarzen Schaf-Gattung her. Diese Zeuge werden auf verschiedne Weise für den Familien-Bedarf verwendet.

»Jede kleine Hausstätte, die Sie sehen,« belehrte sie mich, »hat ihren Antheil Land und mithin auch ihre Schaf-Heerde; und da die Kinder sehr frühzeitig spinnen, stricken und das Garn färben lernen, so sind die Aeltern auch im Stande, sich und ihre kleine Familie stets gut und bequem zu bekleiden.