Viele von eben diesen Meiereien, die jetzt einen so gedeihlichen Zustand zeigen, waren noch vor dreißig Jahren Wildnisse, indianische Jagd-Reviere; — die Betriebsamkeit und der Fleiß der Ansiedler, und darunter mancher armen Leute, die in ihrer Heimath keine Ruthe eignes Land besaßen, haben diese Veränderungen bewirkt.«
Die Gedanken-Folge, welche die Worte dieser guten Frau in mir veranlaßten, war eine sehr erfreuliche. »Wir sind,« dachte ich, »ebenfalls im Begriff, uncultivirtes Land zu kaufen, und sollten wir nicht mit der Zeit unsre zukünftige Meierei diesen fruchtbaren Stätten gleichen sehen. Gewiß ist es ein gesegnetes glückliches Land, in das wir ausgewandert sind, sprach ich bei mir, in Verfolgung der angenehmen Idee, »ein Land, wo jede Hütte Ueberfluß an den Bequemlichkeiten und nöthigen Erfordernissen des Lebens hat.«
Ich übersah vielleicht zu dieser Zeit die Mühe, die Beschwerden, die Entbehrungen, denen diese Ansiedler, als sie zuerst hier angelangt, ausgesetzt gewesen waren. Ich sah das Land blos im Geiste, wie es nach einer ziemlichen Reihe von Jahren und unter einem hohen Cultur-Zustande erscheinen dürfte; vielleicht in den Händen ihrer Kinder oder ihrer Kindes Kinder, nachdem die von Arbeit und Mühseligkeiten aufgeriebnen Aeltern schon längst schlafen gegangen waren.
Unter andern Gegenständen wurde meine Aufmerksamkeit durch offne Begräbnißplätze an der Straße in Anspruch genommen. Freundliche grüne Hügel, von Wald- und andern hübschen Bäumen umgeben, enthielten die Gräber einer Familie und vielleicht einiger theuren Freunde, die ruhig unter dem Rasen neben ihr schlummerten. Mochte auch der Boden nicht geweiht sein, so war er doch durch die Thränen und Gebete von Aeltern und Kindern geheiligt.
Diese Familien-Gräber wurden mir noch interessanter, als ich erfuhr, daß, wenn eine Meierei von einem Fremden käuflich in Beschlag genommen wird, der frühere Besitzer sich in der Regel das Recht ausbedingt, seine Todten auf dem dazu gehörigen Begräbnißplatze beerdigen zu dürfen.
Sie müssen Nachsicht mit mir haben, Beste Mutter, wenn ich gelegentlich bei Kleinigkeiten verweile. Für mich ist nichts ohne Interesse, was das Gepräge der Neuheit an sich trägt. Selbst die Lehm-Oefen, welche auf vier Beinen in geringer Entfernung von den Häusern stehen, blieben im Vorbeifahren nicht unbemerkt von mir. Fehlt es an einem dergleichen Ofen vor dem Hause, so wird das Brod in großen eisernen Bottigen oder Töpfen, sogenannten Back-Kesseln (Bake-kettles) gebacken. Ich habe bereits ein Brod, so dick wie ein Scheffel-Maaß, auf dem Heerde in einem solchen Kessel backen sehen, und auch davon gekostet; allein ich glaube, der eingesperrte Dampf giebt dem Brode einen etwas eigenthümlichen Geschmack, den man an den in Ziegel- oder Lehm-Oefen gebacknen Broden nicht wahrnimmt. Anfangs konnte ich aus diesen, auf vier Füßen ruhenden, seltsam aussehenden kleinen runden Gebäuden nicht recht klug werden, ich hielt sie für Bienen-Stöcke, bis ich eine Bauersfrau einige noch kochendheiße Brode aus einem solchen Ofen, der ein unbebautes Fleckchen auf der Straßen-Seite, etwa funfzig Schritt von der Hütte entfernt, einnahm, herauslangen sah.
Außer den Oefen hat jedes Haus einen Ziehbrunnen, ganz in der Nähe. Diese Brunnen wichen in der Einrichtung zum Emporheben des Wassers von denen ab, die ich in England gesehen. Der Plan ist sehr einfach: — eine lange Stange, auf einem Pfahle spielend, dient als Hebel zum Heraufziehen des Eimers, und das Wasser kann so von einem Kinde mit leichter Mühe emporgehoben werden. Diese Methode ziehen einige sowohl dem Seil als der Kette vor; sie kann von Jedermann ins Werk gesetzt werden, es bedarf nur der Befestigung und Verbindung der Stangen. Ich erwähne dies blos, als Beispiel von dem Erfindungsgeist der Bewohner des Landes, um nur zu zeigen, wie angemessen ihre Verfahrungsweisen ihren Mitteln sind[11].
Die prächtige Erscheinung der Stromschnellen des St. Laurence, bei dessen Cascade die Straße auf der Höhe des Ufers eine schöne Aussicht beherrscht, erfreute uns in hohem Grade. Ein Versuch von mir, Ihnen diese großen, in wildem Aufruhr begriffnen Wasserschichten, welche hier vorüberbrausen, zu schildern, würde weit hinter der Wirklichkeit zurück bleiben. Harrison hat diese Scene in seinem Werke über Ober-Canada, welches Ihnen, meines Wissens, wohl bekannt ist, sehr genau geschildert. Ich bedauerte nur, daß wir nicht einige Zeit weilen konnten, um unsre Augen an einem so großartigen und wildem Schauspiel zu weiden, wie es der Fluß hier darbietet; aber ein canadischer Postwagen wartet auf Niemand, und so mußten wir uns mit einem flüchtigen Anblick dieser berühmten Stromschnellen begnügen.
Wir schifften uns zu Couteau du Lac ein und erreichten Cornwall spät an demselben Abend. Einige von den Postwagen gehen des Nachts ab; allein ich war zu ermüdet, um diesen Abend eine Reise von neunundvierzig (englischen) Meilen auf canadischen Straßen antreten zu können. Unserm Beispiel folgte eine verwittwete Dame mit ihrer kleinen Familie.