Sechster Brief.

Peterborough. — Sitten und Sprache der Amerikaner. — Schottischer Maschinenbauer. — Schilderung Peterboroughs und seiner Umgebungen. — Canadische Blumen. — Shanties. — Beschwerden und Strapazen, welche die ersten Ansiedler zu ertragen haben. — Verfahren bei Anlegung einer Meierei. —

Peterborough, den 11. Sptbr. 1832.

Es ist jetzt fest bestimmt, daß wir hier bleiben, bis die Verkäufe von Seiten der Regierung stattgefunden[19].

Wir werden alsdann bei S— und seiner Familie logiren und gedenken, während der Zeit einige Acker gelichtetes Landes zu erlangen und ein Log-Haus auf eignem Grund und Boden zu errichten. Da wir uns einmal vorgenommen, in den Busch zu gehen, wo wir, als dem Militair-Stande angehörig, unser Grundeigenthum zu erwarten hatten, das uns glücklicher Weise in der Nachbarschaft von S— zu Theil geworden ist, so sind wir jetzt fest entschlossen, allen mit einer solchen Lage verbundnen Entbehrungen und Mühseligkeiten fröhlichen Muthes zu begegnen; denn wir haben keine andere Wahl als entweder jenen großen Vortheil aufzugeben oder unsre Ansiedler-Pflichten zu thun. Wir werden, denk' ich, nicht schlechter dabei fahren, als andre, die vor uns in die noch unangebauten Distrikte gezogen sind, manche derselben, sowohl See- als Land-Offiziere, nebst ihren Familien, haben mit beträchtlichen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, fangen aber gegenwärtig an, die Früchte ihrer Anstrengungen zu ernten.

Außer dem Grund und Boden, wozu er als Offizier in brittischen Diensten, berechtigt ist, handelt mein Gatte um ein Stück Land in der Nähe kleiner Seen. Dies wird uns sowohl einen Wasser-Vordergrund verschaffen als auch der Familie S— näher bringen, mithin werden wir nicht so ganz allein und verlassen sein, als wenn wir sogleich nach dem uns von der Regierung bewilligten Landeigenthum abgegangen wären.

Wir haben von mehren zu Peterborough angesiedelten Familien Aufmerksamkeit und Gastfreundschaft erfahren. Man findet hier eine sehr gute Gesellschaft die hauptsächlich aus Offizieren und ihren Familien und außerdem aus Professionisten und Vorrathshändlern besteht. Manche der letzten sind Leute von achtbarer Familie und guter Erziehung; wiewohl ein hiesiges Vorraths-Magazin in der That um nichts besser ist als ein Kramladen (general chop) in einer englischen Landstadt, so behaupten doch die Vorrathshändler in Canada einen weit höheren Rang als die Krämer in den kleinen Städten und Dörfern von England. Die Vorrathshändler sind die Kaufleute und Banquiers der Orte, wo sie sich niedergelassen. Fast alle Geldsachen werden von ihnen abgemacht, und sie sind oft im Besitz von Grundeigenthum und Leute von Wichtigkeit, verwalten obrigkeitliche Aemter und werden nicht selten zu Commissairen, ja sogar zu Mitgliedern des Provincial-Parlamentes erwählt.

Da sie in der Gesellschaft einen Rang behaupten, der sie der Aristokratie des Landes gleich stellt, so dürfen Sie sich nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß es nichts Ungewöhnliches ist, den Sohn eines See- oder Land-Offiziers oder Geistlichen hinter dem Zahltisch stehen, oder mit seines Vaters Holzhauern im Walde die Axt führen zu sehen; eine Beschäftigung, wodurch sie keineswegs ihren Rang in der Gesellschaft verlieren. Nur gute Erziehung und feine Sitten unterscheiden hier den Gentleman von den übrigen Klassen, da der Arbeiter, wofern er fleißig und betriebsam ist, was weltlichen Besitz anlangt, gar bald seines Gleichen werden kann. Der unwissende, sei er auch noch so reich, wird nie dem Mann von Erziehung die Wage halten. Es ist die moralische und geistige Ausbildung des Menschen, welche einen Unterschied der Klassen in diesem Lande bildet — »Kenntniß ist Macht.«