»Dies,« sagt mein Gatte, »ist wahre Philosophie, und sie wirkt um so nachdrücklicher, weil Sie ihre Wahrheit durch die That beweisen.«
Ich hatte sehr auf den indianischen Sommer (Nachsommer) gezählt, wovon ich so entzückende Schilderungen gelesen, allein ich muß gestehen, daß derselbe weit hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben ist. Gleich zu Anfange dieses Monats (November) hatten wir drei oder vier warme, trübe, mehr drückende und schwüle Tage. Die Sonne schimmerte roth durch die neblichte Atmosphäre, die seltsam gestalteten Wolken, welche in rauchartigen wellenförmigen Massen am Himmel hingen, mit saffrangelbem und blaß carmosinrothem Lichte färbend, gerade so wie ich dergleichen an einem heißen schwülen Frühlings-Morgen gesehen habe.
»Nicht ein Lüftchen kräuselte die Wasserfläche, nicht ein Blatt (denn die Blätter waren noch nicht alle gefallen) regte sich. Diese völlige Stockung der Luft ward plötzlich durch einen heftigen Sturmwind mit Schneegestöber unterbrochen, welcher ohne alle Vorzeichen heranbrauste. Ich stand in der Nähe einer hohen Fichten-Gruppe, die man inmitten des gelichteten Bodens hatte stehen lassen, und sammelte eben einige carmosinrothe Flechten (Lichenen); S— befand sich nur einige Schritt von mir, mit einem Gespann Ochsen, welche Brennholz zogen. Auf einmal vernahmen wir ein fernes hohles Rauschen, das mit jedem Augenblick zunahm, die Luft rings um uns her war vollkommen ruhig. Ich blickte empor und sah die bisher so regungslosen Wolken mit erstaunlicher Schnelligkeit in verschiednen Richtungen sich fortbewegen. Ein dichtes Dunkel verbreitete sich über den Himmel. S—, der ämsig mit den Ochsen beschäftigt gewesen, hatte nicht gleich bemerkt, daß ich ihm so nahe war, und rief mir jetzt zu, daß ich so schnell als möglich das Haus oder eine freie Stelle, fern von den Fichten, zu erreichen suchen möchte. Unwillkührlich wendete ich mich dem Hause zu, während das donnernde Getös der in allen Richtungen niederstürzenden Bäume, das Herabprasseln der Aeste von den Fichten, die ich so eben verlassen, das Brausen der Windsbraut, welche über den See herabraste, mich die Gefahr erkennen ließen, die mir gedroht hatte.
Die brechenden Aeste der Fichten, welche, vom Sturme fortgeführt, über mir umherwirbelten, verfinsterten die Luft; dann kam das blindmachende Schneegestöber; allein Gott sei Dank! ich konnte den Fortschritten des Unwetters in Sicherheit zusehen, da ich die Schwelle unsers Hauses gewonnen. Der Ochsentreiber hatte sich mit dem Gesicht auf die Erde geworfen, während die armen Thiere in Demuth ihre Köpfe niederhielten und geduldig den Ausgang des schonungslos wüthenden Sturmes abwarteten. S—, mein Gatte und alles, was zum Haushalt gehörte, hatte sich in eine Gruppe vereint und bewachte mit ängstlicher Spannung das wilde Toben der in Aufruhr begriffnen Elemente. Nicht ein Blatt blieb an den Bäumen, als der Orcan ausgewüthet, standen sie nackt und kahl da. So endete die kurze Herrschaft des indianischen Sommers[34].
Meiner Ansicht nach ist die Meinung, welche einige Reisende hegen, daß nämlich der indianische Sommer durch das jährliche Abbrennen von Wäldern seitens derjenigen Indianer erzeugt werde, welche die undurchforschten Gegenden jenseits der größern Seen bewohnen, ungegründet. Man denke sich nur, welche ungeheure Waldstrecken jährlich in Flammen aufgehen müßten, um einen Einfluß auf ziemlich das ganze Continent von Nordamerika zu üben; übrigens finden die Waldbrände zu der Zeit im Jahre statt, wo das Feuer, wegen der durch die Herbst-Regengüsse bewirkten Feuchtigkeit des Bodens nicht leicht stark um sich greift.
Ich möchte vielmehr die besondre Wärme und schwüle düstre Beschaffenheit der Luft der Gährung jener ungeheuren Masse vegetabilischen Stoffs zuschreiben, welche während der letzten Hälfte des Octobers in Zersetzung begriffen ist. Einige haben die Vermuthung aufgestellt, daß eine große Veränderung hinsichtlich dieser Jahreszeit stattfinden werde, indem die fortschreitende Lichtung des Landes die Quantität verwitternder Vegetabilien fortwährend vermindere. Ja ich habe gehört, daß von denjenigen, welche seit langer Zeit mit dem amerikanischen Festlande bekannt sind, in der fraglichen Beziehung schon ein ziemlicher Unterschied bemerkt werde.