Unsre wissenschaftlichen Botaniker dürften mich für sehr keck und anmaßend halten, daß ich mir die Freiheit nehme, den Blumen und Sträuchern, auf die ich in diesen Wäldern stoße, Namen beizulegen. Ich kann blos sagen daß es mich freut, wo möglich die canadischen oder selbst die indianischen Benennungen zu entdecken, und wo sie fehlen, betrachte ich mich als ihre Taufmutter und benenne sie nach meinem Gefallen.
Unter unsern wilden Früchten haben wir eine Pflaume, die in einigen Gemeinde-Distrikten sehr gut und reichlich ist, sie eignet sich trefflich zum Einmachen vorzüglich wenn man sie, wie die amerikanischen Hausfrauen, in Ahorn-Syrup kocht; wilde Kirschen, desgleichen eine Sorte Namens choke cherries (Würgkirschen) wegen ihrer stark zusammenziehenden Eigenschaften, hoch- und kleinsträuchige Moosbeeren und Schwarzbeeren, welche von den Squaws in Birken-Körben herbeigebracht werden. Alle diese kommen auf den Ebnen und Bieber-Wiesen vor. Die kleinsträuchigen Moosbeeren werden von den Indiern in großer Menge in die Städte und Dörfer gebracht. Sie bilden eine stete Delicatesse (eingemacht) auf den Thee-Tischen der meisten Ansiedler; allein was Trefflichkeit des Geschmacks und schönes Ansehn betrifft, so ziehe ich die hochbuschige Moosbeere vor; diese ist weniger begehrt, wegen der großen platten Samen, welche das Einmachen derselben verhindern; indeß ist das Gelée davon sowohl in Farbe als Wohlgeschmack vortrefflich.
Der Strauch auf welchem diese Moosbeere wächst, gleicht der Guelder-Rose. Die Blüthen sind rein weiß und stehen in loosen Dolden; sie bilden nach ihrer Entfaltung in Wäldern und Mooren und am Wasser-Rande der Seen eine schöne Zierde. Die Beeren sind etwas länglich eirund und glänzend scharlachroth, und wenn sie der Frost leicht gerührt hat, halb durchsichtig, und sehen wie hängende Büschel scharlachfarbner Trauben aus.
An einem schönen Winternachmittage fühlte ich mich versucht, mit meinem Gatten einen Spaziergang auf dem Eise zu machen, welches, wie man mir vorher versichert, vollkommen trug und sicher war. Ich muß gestehen, daß ich während der ersten halben Meile (englisch) mich ziemlich furchtsam zeigte, vorzüglich an Stellen, wo das Eis so durchsichtig war, daß man jeden Kiesel, jedes Moos auf dem Boden des Wassers sehen konnte. Bisweilen war das Eis dick, weiß und vollkommen undurchsichtig. Während wir uns in geringer Entfernung vom Ufer hielten, überraschte mich das Erscheinen einiger glänzend rothen Beeren an den laublosen Büschen, die über den Rand des Sees hingen und die ich bald als die oben erwähnten Moosbeeren erkannte. Mein Gatte streifte sogleich den lockenden Schatz von den Zweigen, und ich eilte entzückt mit meiner Beute nach Hause und kochte die Früchte mit etwas Zucker, um sie nebst unserm Kuchen zum Thee zu genießen. Gewiß habe ich nie etwas so köstlich gefunden als diese Beere, und dies vielleicht um so mehr, weil ich, mit Ausnahme von Eingemachtem während unsrer Reise und zu Peterborough, so lange keinerlei Art von Früchten genossen hatte.
Kurz darauf machte ich einen abermaligen Spaziergang auf dem Eise, wiewohl es nicht ganz so fest mehr war wie früher; dessen ungeachtet marschirten wir ziemlich dreiviertel Meile (englisch) weit. Bei unsrer Rückkehr wurden wir von S— mit einem Handschlitten, eine Art Schiebkarren, wie die der Lastträger, — eingeholt. Dieses Fuhrwerk hat keine Seiten-Wände und ruht nicht auf einem Rade sondern auf hölzernen Rollen, so daß man es, wenn es auch noch so schwer beladen ist, mit der größten Leichtigkeit über Schnee und Eis bewegen kann. S— bestand darauf, mich auf dem Eise nach Hause zu fahren, gleich einer lappländischen Dame auf ihrem Schlitten. Ich wählte meinen Sitz, und in einer Minute fühlte ich mich mit einer Schnelligkeit fortgezogen, die mir fast den Athem raubte. Als ich am Ufer anlangte, war ich von Kopf bis zu Füßen eine Gluth.
Die Lage unsers Hauses würde Ihnen gefallen. Der Platz worauf es steht, ist der höchste Punkt eines sanft geneigten Ufers oberhalb des Sees, ungefähr zweihundert Schritt vom Wasserrande entfernt; die Breite des Sees von einem Ufer zum andern beträgt nicht ganz eine (englische) Meile. Nach Süden zu haben wir wieder eine ganz verschiedne Aussicht, die nach völliger Lichtung sehr schön ausfallen wird, — eine schöne ebne Wasserfläche, durch anmuthige Inselchen unterbrochen, die sich aus ihrem Schooße gleich grünenden Hainen empor heben; — unterhalb derselben ist ein Fall von einigen Fuß, wo die Wasser der Seen, in einen engen Kanal zwischen Kalkstein-Schichten gezwängt, mit großem Ungestüm hinstürzen und Schaum und Nebel-Wolken emporschleudern.
Während des Sommers ist der Wasserstand weit niedriger, und man kann eine ziemliche Strecke an den flachen Ufern hinwandern, die aus verschiednen, mit fossilen Ueberresten von offenbar frischer Formation gefüllten Kalkstein-Schichten bestehen. Jene Muschelgehäuse und Fluß-Insekten, welche, durch das Zurückweichen des Wassers zurückgelassen, über die Oberfläche des Kalksteins ausgestreut liegen, sind den Muscheln und Insekten ähnlich, die von der Kalkstein-Masse incrustirt sind. Man hat mir gesagt, daß das Bett eines der Seen, (ich weiß nicht mehr, welches) oberhalb unsers Wohnorts aus Kalkstein bestehe; und daß es reich an manigfaltigen schönen Flußmuscheln sei, welche darin in ungeheurer Menge so wie auch in den längs den Ufern ausgestreuten Kalkstein-Blöcken schichtenweise abgelagert sind. Diese Muschelgehäuse werden auch in beträchtlicher Menge in dem Boden der Bieber-Wiesen gefunden.
Wenn ich dergleichen Dinge sehe oder davon höre, so thut es mir leid, daß ich nichts von Geologie oder Conchologie verstehe; weil ich mir anders manche Umstände würde erklären können, die gegenwärtig blos meine Neugierde erregen.
Gerade unter dem oben erwähnten Wasserfall ist ein merkwürdiger natürlicher Bogen in dem Kalkstein-Felsen, der sich an dieser Stelle zu einer Höhe von funfzehn Fuß wie eine Mauer erhebt; er besteht aus großen Platten grauen Kalksteins, die eine auf der andern liegen; der Bogen erscheint wie eine Spalte in der Felsenwand, aber, möglicher Weise durch die Gewalt des Wassers während einer beträchtlichen Ueberschwemmung, ausgewühlt und ausgehöhlt. Auf der Spitze des Felsens wachsen Bäume. Schierlings-Tannen und Cedern bewegen ihre Laubkronen hoch über dem wildbrausenden Wasser hin und her und bekleiden die steinerne Barriere mit einem düstern aber unvergänglichen Grün. Hier wuchern auch in üppiger Fülle die wilde Rebe, die oben erwähnte rothe kriechende Pflanze und die Gifteiche und weben phantastische Lauben über die moosbedeckten Stein-Massen. Eine schnelle Wendung dieses Ufers brachte uns zu einer breiten, vollkommen flachen und glatten Schichtung des nämlichen Gesteins, die eine Strecke von ziemlich funfzig Fuß entlang dem Ufer einnimmt. Zwischen den Rissen und Spalten dieser Schicht fand ich einige Rosen-Sträucher und mancherlei Blumen, die im Verlauf des Frühjahrs und Sommers, wo dieselbe vom Wasser entblößt und mithin seinem Einfluß nicht ausgesetzt ist, daraus hervorgesproßt waren.
Dieser Platz soll nächstens mit einer Säge- und Korn-Mühle bebaut werden, die, fürchte ich, seiner natürlichen Schönheit Abbruch thun wird. Ich glaube wohl, daß ich die einzige Person in der Nachbarschaft bin, welche die Errichtung eines für diesen Theil des Gemeindebezirks so nützlichen und schätzbaren Gebäudes mit Bedauern sieht.