Abwechselung in Temperatur und Wetter. — Elektrische Erscheinung. — Canadischer Winter. — Mangel an poetischen Anklängen in diesem Lande. — Zuckerbereitung. — Zeit zum Fischfang. — Art des Fischfangs. — Entenschießen. — Indianer-Familien. — Papousen und ihre Windeln- und Wickelbänder. — Indianische Manufacturen. — Frösche. —
See-Haus, Mai 9. 1833.
Wie ganz anders ist doch der Winter ausgefallen, als ich mir dachte. Der December-Schnee thaute beständig wieder weg. Am ersten Januar war auf unsern gelichteten Aeckern keine Flocke zu sehen, nur im Walde lag etwas. Die Wärme der Sonne am ersten und zweiten Tage des neuen Jahres war so groß, daß man im Freien den Mantel, ja selbst einen Shawl kaum vertragen konnte; und im Zimmer wurde uns das Ofenfeuer fast lästig. Das Wetter blieb ziemlich mild bis in die letzte Hälfte des Monats, dann aber trat strenge Kälte ein und dauerte den ganzen Februar hindurch. Der erste März war der kälteste Tag, den ich jemals erlebt habe; das Quecksilber fiel im Hause bis fünfundzwanzig Grad unter Null, und im Freien noch tiefer. Das Gefühl von Kälte frühmorgens war äußerst schmerzhaft, und erzeugte ein unwillkührliches Schaudern und eine fast krampfhafte Empfindung in Brust und Magen. Der Hauch erstarrte an den Betten zu Reif. Jeder metallne Gegenstand, den man berührte, schien die Finger erfrieren zu machen. Dieser hohe Kälte-Grad hielt indeß nur drei Tage an, worauf die Temperatur allmälig gelinder wurde.
Während dieser äußerst kalten Witterung wurde ich durch die häufige Wiederkehr eines Phänomens überrascht, welches mir von elektrischer Natur zu sein schien. Wenn nämlich der Frost sehr heftig war, gab meine Kleidung, die während der kalten Jahreszeit in einem wollenen oder mit Flanel gefütterten Rocke bestand, beim Ausziehen eine Reihe knisternder prasselnder Töne, ungefähr wie ein aufloderndes Feuer, von sich, und sprühete, wenn das Licht entfernt wurde, blasse weißlich blaue Funken, denen nicht unähnlich, welche sich erzeugen, wenn man Zucker im Dunkeln schlägt, oder den Rücken einer schwarzen Katze streichelt; dieselbe Erscheinung bemerkte ich auch, wenn ich meine Haare kämmte[36].
Den Februar hindurch und bis zum neunzehnten März lag der Schnee sehr hoch; dann aber trat plötzliches Thauwetter ein und hielt ohne Unterbrechung so lange an, bis der Boden von seiner weißen Decke völlig befreit war, was im Verlauf von nicht ganz vierzehn Tagen geschah. Die Luft war während dieser Zeit weit wärmer und milder als in der Regel in England, wo während des fortschreitenden Thauwetters eine durchdringende Kälte herrscht.
Wiewohl der canadische Winter seine Unannehmlichkeiten hat, so hat er auf der andern Seite auch seine Reize. Nach ein- oder zweitägigem starken Schneefall klärt sich der Himmel auf, und die Luft wird außerordentlich hell und rein von Dünsten; der Rauch steigt in hohen gewundnen Säulen empor, bis er sich verliert; beobachtet man ihn des Abends oder früh an einem heitern Morgen, wenn der Reif an den Bäumen flimmert, im Widerschein eines safranfarbigen Himmels, so ist die Wirkung vorzüglich schön.
An heitern Wintertagen, wenn kein Wölkchen, nicht der Schatten eines Wölkchens das azurblaue Himmelsgewölbe über uns trübt, mache ich kleine Ausflüge in die Wälder, und wäre nicht die weiße Silberdecke der Erde, so möchte ich, wenn ich mein Auge zu dem reinen Aether empor hebe, fast ausrufen: es ist Juni, der milde liebliche Juni ist da! Die stets grünen Kiefern, Cedern, Schierlings-Tannen und Balsam-Fichten krümmen ihre hängenden Aeste unter der Schneelast, die bei der geringsten Bewegung in dichten Schauern rings umher niederrauscht, aber so leicht und trocken ist der Schnee, daß man ihn mit leichter Mühe und ohne im geringsten naß zu werden, abschütteln kann.
Die Spitzen der Baumstummel nehmen sich mit ihren Schnee-Mützen oder Turbanen gar nicht übel aus; ein schwarzer Fichtenstummel mit seinem weißen Mützchen und Mantel erscheint bisweilen, wegen seiner seltsamen Bekleidung wie Jemand, der uns plötzlich entgegentritt. Was Gespenster und Geister betrifft, so scheinen sie gänzlich aus Canada verbannt zu sein. Hier giebt es keine historischen Erinnerungen, keine abentheuerlichen Legenden von Ahnen und Vorvordern. Die Phantasie des Dichters würde in den Urwäldern aus Mangel an Wunder-Speise zur Aufrechterhaltung ihrer Existenz verhungern. Wir haben weder Feen noch Elfen, weder Geister noch Kobolde, weder Satyre noch Wald-Nymphen; unsre Wälder selbst eignen sich nicht zum Schutz für Dryaden und Hamadryaden. Keine Najade haust an dem Schilfrande unsrer Seen oder heiligt durch ihre Gegenwart unsre Wald-Firsten. Kein Druide nimmt unsre Eichen in Anspruch; und anstatt mit geheimnißvoller Ehrfurcht zwischen unsern, oft seltsam zusammengruppirten Kalkfelsen umher zu wandern, überlassen wir sie dem Geologen, um seinen Scharfsinn in Erklärung ihres Erscheinens zu üben; anstatt dieselben mit den ehrwürdigen Charakteren alter Tempel oder heidnischer Altäre zu bekleiden, blicken wir blos mit dem wißbegierigen Auge der Natur-Philosophie darauf.
Selbst die Irländer und Hochländer der niedrigsten Klasse scheinen, wenn sie Bewohner der Urwälder von Canada werden, ihren alten Aberglauben bei Seite zu setzen. Ich hörte einen Freund, als die Rede von dem Mangel an romantischem Interesse in diesem Lande war, ausrufen: »Es ist unpoetischer als alle andere Länder, die Einbildungskraft findet keinen Anhaltepunkt, kein Ziel! — Hier ist alles neu — der Boden selbst scheint neuerdings gebildet zu sein; in diesen Wäldern herrscht keine große alterthümliche Erhabenheit, hier giebt es keine mit dem Lande verknüpfte Erinnerungen ehemaliger Thaten. Die einzigen Wesen, an welchen ich eignes Interesse nehme, sind die Indianer, allein es fehlt ihnen an dem kriegerischen Charakter, an jener Einsicht, in deren Besitz ich sie mir gedacht hatte.«
Dies war die Klage eines Dichters. Nun besteht aber die Volksklasse, für welche dieses Land in hohem Grade paßt, aus unbelesenen betriebsamen Arbeitern und Handwerkern. Sie fühlen kein Bedauern, daß das Land, welches sie bearbeiten, nicht durch die Feder eines Geschichtsschreibers oder den Gesang eines Dichters gepriesen worden ist. Die Erde giebt ihnen ihre Erzeugnisse eben so freigebig, als wenn sie durch das Blut von Heroen gedüngt worden wäre. Sie würden sich durch kein Gefühl von Ehrfurcht bestimmen lassen, die altersgraue Eiche zu schonen, und sie aus keiner andern Rücksicht als ihres Holzes wegen achten. Sie haben keine Zeit, selbst wenn sie Geschmack dazu hätten, sich nach den Schönheiten der Natur umzusehen, allein ihre Unwissenheit ist Segen.