Die reizendsten Personen in dem Wigwam waren zwei Indianer-Mädchen, eine von ungefähr achtzehn Jahren, — Johanna, des Jägers älteste Tochter, und ihre Cousine Margaret. Die Schönheit der erstern überraschte mich nicht wenig, ihre Züge waren im buchstäblichen Sinne des Worts fein, und trotz ihrer Zigeuner-Schwärze fand ich doch das Purpurroth ihrer Wangen und Lippen, wo nicht schön, — wenigstens angenehm und sehr anziehend. Ihr Haar war pechschwarz, weich und glänzend, und dabei sauber über die Stirn gefaltet und nicht in zottigen Massen unordentlich und wild herabhängend, wie gewöhnlich bei den Squaws. Johanna war sich ihrer überlegnen Reize augenscheinlich bewußt, sie konnte als eine indianische Schönheit gelten, auch legte sie ihre Eitelkeit durch die vorzügliche Sorgfalt an den Tag, womit sie ihren schwarzen Tuch-Mantel angeordnet hatte, er war oben mit einem zierlich über die eine Schulter geschlagnen scharlachnen Stück Zeuge besetzt und auf der linken Seite durch ein vergoldetes Schlößchen befestigt. Margaret war jünger und kleiner von Statur, und wiewohl man sie lebhaft und recht hübsch nennen konnte, so fehlte ihr doch die ruhige Würde ihrer Cousine, sie hatte in Gesicht und Figur mehr von der Squaw. Die beiden Mädchen nahmen eine Bettdecke für sich ein und waren mit Verfertigung einiger höchst eleganten Futterale aus Rehleder beschäftigt, die sie mit gefärbten Perlen und Spuhlen überzogen; Perlen und Spuhlen lagen in einer kleinen zinnernen Torten-Pfanne auf ihren Knien; meine alte Squaw dagegen hielt ihre Stachelschwein-Spuhlen im Munde und die feinen getrockneten Sehnen, ebenfalls von Rehen, deren sie sich anstatt Zwirns zu dieser Art Arbeit bediente, hatte sie im Busen.

Als ich den Wunsch äußerte, einige von den Stachelschwein-Spuhlen zu besitzen, gab sie mir einige von verschiedner Farbe, womit sie ein paar Mocassins durchwirkte, bemerkte aber dabei, daß es ihr an Perlen zu den Mocassin's fehle, und ich verstand recht wohl, daß sie dergleichen für die Spuhlen von mir zu erhalten wünsche. Indianer verschenken nie etwas, seitdem sie mit den Weißen zu verkehren gelernt haben.

Meine Lobsprüche, die ich Johanna's Schönheit zollte, entzückten die gute Matrone. Sie erzählte mir, daß das hübsche Mädchen bald mit einem jungen Indianer verheirathet werden würde, der an ihrer Seite saß, in allem Stolze, welchen ein neuer Mantel, eine rothe Schärpe, gestickte Pulver-Tasche und ein großes vergoldetes Schloß an dem Kragen seines Mantels, der so warm und so weiß erschien, wie ein frischgewaschnes Schaffell, verleihen konnten. Die alte Squaw that sich auf das junge Pärchen offenbar nicht wenig zu Gute; sie blickte oft danach und wiederholte fast stets die Worte: »Johanna's Gattemit der Zeit heirathen. —«

Wir hatten den Indianern oft mit Vergnügen gelauscht, wenn sie Sonntags Abends ihre frommen Lieder sangen; daher ich sie jetzt bat, uns einige zum Besten zu geben; der alte Jäger nickte mir seine Einwilligung zu und erließ mit dem Ernst und Phlegma eines Holländers, ohne seine Pfeife aus dem Munde zu nehmen, seine Befehle, welchen von den jüngern Gliedern der Gesellschaft augenblicklich Folge geleistet wurde, und bald füllte ein Chor reicher wohltönender Stimmen die kleine Hütte mit einer Melodie, welche uns bis ins Herz drang.

Das Lied ertönte in der Sprache der Indianer, welche vorzüglich wohlklingend und weich in ihren Cadencen ist und sehr vocalreich zu sein scheint. Ich konnte der bescheidnen Miene der Mädchen meinen Beifall nicht versagen; sie schienen gleichsam ängstlich, Beobachtung zu vermeiden, die sie, wie sie recht gut empfanden, durch ihre lieblichen Stimmen auf sich ziehen mußten, sie suchten ihr Gesicht den Blicken der Fremden zu entziehen, indem sie einander ansahen und den Kopf auf ihre Arbeit niedersenkten, die sie noch immer in den Händen hielten. Ihre Haltung, welche die der orientalischen Nationen ist; ihre Kleidung, ihr schwarzes Haar, ihre dunkeln Augen, ihr olivenfarbner Teint, das erhöhte Roth ihrer Wangen und der bescheidne Ausdruck ihres Gesichts würden ein Studium für den Maler gebildet haben. Ich wünschte, Sie hätten der Scene beiwohnen können; Sie würden dieselbe nicht leicht vergessen haben. Sehr gefiel mir auch die tiefe Ehrfurcht in den Gesichtszügen der ältern Glieder der Indianer-Familie, während sie ihren Kindern lauschten, welche ihre Stimmen zur Verherrlichung Gottes und des Erlösers, die sie zu fürchten und lieben gelernt hatten, ertönen ließen.

Die Indianer scheinen sehr zärtliche Eltern zu sein; es ist erfreulich, die liebevolle Weise zu sehen, wie sie die kleinen Kinder behandeln, ihre Blicke strömen, wenn sie dieselben liebkosen, von Zärtlichkeit und Freude. Während des Gesanges kroch jede Papouse zu den Füßen ihrer Aeltern, und diejenigen, welche noch zu jung waren, um ihre Stimmen mit dem kleinen Chor vereinigen zu können, verharrten von Anfang bis zu Ende in der tiefsten Stille. Ein kleines Mädchen, eine dicke braune Trutschel von drei Jahren, schlug den Tact auf ihres Vaters Knien, und mengte von Zeit zu Zeit ihre kindliche Stimme ein; jedenfalls besaß sie ein gutes Ohr und natürliche Anlage zur Musik.

Ich konnte nicht begreifen, wo die Indianer ihre Vorräthe, Kleider und andre bewegliche Artikel aufbewahrten, da der Wigwam so klein war, daß außer für ihre Person und ihre Hunde, kein Platz vorhanden zu sein schien. Ihr Erfindungsgeist hatte ihnen indeß für den Mangel an Raum Ersatz geleistet, und ich entdeckte bald eine Einrichtung, die dem Zweck von Verschlüssen, Säcken, Schachteln u. s. w. vollkommen entsprach, nämlich die innern Birkenrinden-Schichten waren so zwischen die Stangen, (welche das Gerippe der Hütte bedeckten) gezogen, daß sie rings herum Taschen bildeten; in diesen Taschen staken die Habe und Nahrungs-Vorräthe der Bewohner: eine Abtheilung enthielt gedörrtes Rehfleisch, eine andre gedörrte Fische, eine dritte einige flache Kuchen, welche sie, wie mir gesagt worden ist, auf eine ihnen eigenthümliche Weise mittelst heißer Asche, darüber und darunter, backen, die aber eben deshalb meines Bedünkens dem Gaumen nicht sonderlich zusagen können; ihre Kleider, das Material zu ihren verschiednerlei Arbeiten, als Perlen, Spuhlen, Tuchfleckchen, Seide und tausend andre Kleinigkeiten nahmen die übrigen derartigen Behälter ein.

Trotz der ziemlich weiten Oeffnung nach oben war das Innere des Wigwams doch so heiß, daß ich kaum athmen konnte, und während meines Aufenthalts darin alle Tücher ablegen mußte. Ehe wir unsern Heimweg antraten, bestand der Jäger darauf, uns ein Spiel zu zeigen, welches einige Aehnlichkeit mit unserm Bilboket (cup and ball) hat, aber complicirter ist, und mehr Behändigkeit erfordert; den Indianern machte unser Mangel an Geschicklichkeit offenbar nicht wenig Spaß. Außerdem zeigten sie uns ein andres Spiel, (nine-pins) dem Kegelspiel einigermaßen verwandt, nur daß die Anzahl der in die Erde befestigten Stöcke größer war. Ich konnte unmöglich länger bleiben, um die kleine Reihe Stöcke umwerfen zu sehen, da die Hitze des Wigwams mich fast erstickte, und fühlte mich ordentlich glücklich, als ich wieder frische Luft einathmen konnte.

In einem andern Klima würde man sich schwerlich einem so plötzlichen und auffallenden Temperatur-Wechsel ohne eine starke Erkältung aussetzen können, allein glücklicher Weise ist jenes fatale Uebel, catchée le cold (Schnupfen), wie es die Franzosen nennen, in Canada nicht so vorherrschend als in der Heimath.

Vor etwa zwanzig Jahren, als sich die brittischen Ansiedler, in Folge der Erinnerung an die während des Freiheitskrieges ausgeübten Grausamkeiten, eines Gefühls von Furcht vor den Indianern noch nicht ganz erwehren konnten, wurde eine arme Frau, die Wittwe eines Emigranten, welche auf einer Meierei in einem der dünn bevölkerten Gemeinde-Bezirke, jenseits des Ontario, wohnte, durch das plötzliche Erscheinen eines Indianers im Innern ihrer Blockhütte erschreckt. Er hatte sich so still hineingeschlichen, daß er nicht eher bemerkt wurde, als bis er sich vor das prasselnde Feuer, der überraschten Wittwe und ihren Kleinen gerade gegenüber, gestellt hatte; natürlicher Weise zitterten die armen Kinder und zogen sich mit schlecht verheelter Furcht in den äußersten Winkel der Stube zurück.