Ohne auf die Störung, welche sein Erscheinen verursachte, Rücksicht zu nehmen, fing der Indianer an, sich seiner Jagdkleider zu entledigen; hierauf band er seine nassen Mocassins los, die er zum Trocknen am Feuer aufhing, und gab deutlich seine Absicht zu verstehen, daß er unter dem Dache der Wittwe übernachten wolle, indem es schon ziemlich dunkel sei, und der Schnee in schweren Schauern vom Himmel falle.
Kaum wagend, einen hörbaren Athemzug zu thun, bewachte die kleine Gruppe mit ängstlichen Blicken die Bewegungen ihres unwillkommnen Gastes. Denken Sie sich ihren Schreck, als sie ihn aus seinem Gürtel ein Jagdmesser hervorziehen und mit bedächtiger Miene dessen Schneide prüfen sahen. Nach diesem unterwarf er seine lange Flinte und sein Tomahawk einer ähnlichen Untersuchung.
Die Verzweiflung der von Furcht und Schrecken betäubten Mutter hatte jetzt ihre höchste Stufe erreicht. Sie sah schon in Gedanken die grauenvoll verstümmelten Leichname ihrer ermordeten Kinder an jenem Heerde, welcher so oft der Tummelplatz bei ihren unschuldigen Spielen gewesen war. Instinktmäßig faltete sie die zwei jüngsten bei einer vorwärts gerichteten Bewegung des Indianers an ihre Brust und wollte sich eben, als er mit den gefürchteten Waffen auf sie zuging, mit thränenden Augen zu seinen Füßen niederwerfen und um Barmherzigkeit für sich und ihre kleinen Lieblinge flehen. Wie groß aber war ihr Erstaunen und ihre Freude, als er mit sanfter friedfertiger Miene Flinte, Messer und Tomahawk neben ihr niederlegte und durch diese Handlung zeigte, daß er nichts Arges gegen sie im Schilde führe[43].
Die Begnadigung eines zum Tode verurtheilten Verbrechers im Augenblick vor seiner Hinrichtung konnte nicht willkommner sein, als das friedfertige Benehmen des Indianers gegen die arme Wittwe. Voll Eifer, zu gleicher Zeit ihr Zutrauen und ihre Dankbarkeit zu äußern, beeilte sie sich, dem nicht länger gefürchteten Gaste ein Mahl zu seiner Erfrischung zu bereiten, und von dem ältesten ihrer Kinder unterstützt, breitete sie ein frisches Betttuch über ihr eignes Lager, welches sie freudig dem Fremdlinge abtrat. Ein ausdrucksvolles »Hugh! hugh!« war die Erwiederung auf diesen Beweis von Gastfreundschaft; als er aber Besitz von diesem, für ihn üppigen Lager nahm, gerieth er in sichtbare Verlegenheit. Es war offenbar, daß der Indianer niemals ein europäisches Bett gesehen und noch weniger in einem geschlafen hatte. Nach genauer Untersuchung der Kissen und Bettdecken, welche einige Minuten dauerte, sprang er mit freudigem Lachen auf das weiche Lager, rollte sich wie ein Hund zusammen und war bald in tiefen Schlaf versunken.
In der Dämmerung des Morgens brach der Wilde wieder auf und nahm Abschied von der gastlichen Hütte. So oft er nachmals das Jagdrevier in der Nachbarschaft der Wittwe betrat, konnte diese mit Gewißheit auf einen Besuch von ihm rechnen. Die Kinder, welche sich nicht länger vor seinem geschwärzten Gesicht und seinen kriegerischen Waffen fürchteten, drängten sich dann um ihn her, setzten sich auf seine Knie, bewunderten seine mit Federn geschmückte Pulver-Tasche, und betasteten die schön gestickte Scheide, welche sein Jagdmesser enthielt, oder die sauber gewirkten Mocassins und Bein-Bekleidung, während er den kleinen Dingern den Kopf streichelte und seine Liebkosungen zwischen ihnen und seinen Jagdhunden theilte.
So lautet die Geschichte, welche mir ein junger Missionär erzählte. Ich habe dieselbe mitgetheilt, weil sie mir als Charakterschilderung eines Häuptlings dieses merkwürdigen Völkerstammes nicht uninteressant schien. Chiboya (so hieß der eben erwähnte Wilde) war einer der Chippewas vom Reis-See, deren Mehrzahl gegenwärtig zum Christenthum bekehrt ist und in der Gesittung und Ackerbaukunde beträchtliche Fortschritte macht. Jagd und Fischerei scheinen indeß ihre Lieblingsbeschäftigungen zu sein; diesen nachzuhängen, verlassen sie die bequemen Häuser der Indianer-Dörfer und kehren zu bestimmten Zeiten im Jahre nach ihren Jagdrevieren im Walde zurück. Irr' ich nicht, so ist man allgemein der Meinung, daß ihre Zahl abnimmt, und einige Stämme in Canada sind ziemlich, wo nicht ganz und gar, ausgetilgt[44]. Die Rasse verschwindet langsam von der Erde oder vermischt sich allmälig mit den Colonisten, und vielleicht dürften nach Verlauf einiger Jahrhunderte kaum noch ihre Namen bekannt sein, um von ihrer ehemaligen Existenz Zeugniß zu geben.
Wenn Sie das nächste Mal ein Kistchen oder Päckchen senden, so fügen Sie doch gefälligst einige gute Gesangbücher bei, denn ein solches Geschenk ist den bekehrten Indianern besonders willkommen. Ich lege das religiöse Lied bei, welches sie uns an jenem Abend in dem Wigwam sangen; es ist die indianische Uebersetzung und von dem ältesten Sohn des Jägers Peter geschrieben; er war sehr erfreut, als ich ihm sagte, daß ich es von ihm copirt zu erhalten wünschte, weil ich es über Meer in mein Vaterland zu senden gesonnen sei, um den Engländern zu zeigen, wie gut die Indianer schreiben können.
Der Krüpel Maquin hat mir ein Miniatur-Canoe von Birken-Rinde gemacht, welches ich ebenfalls als eine Merkwürdigkeit und ein kleines Andenken für Sie beifüge. Die rothen und schwarzen Kaninchen-Felle sind für Hannchen; die Feder-Fächer und Feder-Tapeten für Sarah. Sagen Sie letztrer, daß ich meiner nächsten Sendung einige Exemplare unsers schönen Roth-Vogels zum Ausstopfen für sie beifügen werde; es ist jedenfalls die virginische Nachtigall; er langt im Mai oder April an und verläßt uns spät im Sommer; er gleicht ganz genau einer ausgestopften virginischen Nachtigall, die ich in einer schönen Sammlung von amerikanischen Vögeln gesehen habe[45].
Der blaue Vogel ist nicht weniger hübsch und lieblich, und wandert ziemlich zu derselben Zeit; sein Gefieder ist himmelblau; allein ich habe noch nie einen außer im Fluge gesehn, daher ich ihn nicht beschreiben kann[46].