»Im Monat May,« sagt Wilson, »als ich auf einer Jagdparthie an der Seeküste, nicht weit von Great Egg-Harbour, in Begleitung meines Freundes Ord hinstrich, wurden wir von unserm Wegweiser ungefähr eine englische Meile tief in die Wälder geführt, um ein Seeadlernest zu sehen. Als wir uns dem Orte bis auf eine kleine Entfernung genähert, sahen wir den Vogel, sich langsam vom Neste zurückziehen, welches mitten auf dem Gipfel einer sehr großen gelben Fichte (yellow pine) erbaut war. Das Holz war mehre Ruthen im Umkreise gefällt und weggeschafft worden, ein Umstand, der dem stattlichen, geraden Stamme, so wie den großen, gekrümmten Aesten des Baumes, worauf eine schwarze Masse von Stöcken und Reisholz ruhte, einen eigenthümlichen und malerischen Anblick verlieh. Unser Führer hatte eine Axt mit sich genommen, um den Baum zu fällen; mein Begleiter aber, ängstlich bemüht, die Eier oder Jungen zu erhalten, bestand darauf, den Baum zu ersteigen, was er auch furchtlos ausführte, während ich und der Führer unsern Stand unter dem Baume nahmen, bereit, den kühnen Kletterer, im Fall eines Angriffs von den alten Adlern, zu vertheidigen. Indeß wurde kein Widerstand geleistet; leider aber fand Ord das Nest, als er es erreicht, zu unserm größten Mißvergnügen, leer. Es war aus großen Stöcken, deren mehre einige Fuß maßen, erbaut; inwendig lagen Erdschollen, Riethgras, Rasen, dürres Schilf u. s. w., sämmtliche Materialien waren zu einer Höhe von fünf bis sechs Fuß angehäuft und nahmen über vier Fuß in der Breite ein; das Ganze war mit frischen Fichtenwipfeln überkleidet und hatte nur eine geringe oder vielmehr gar keine Aushöhlung. Unter der Ueberkleidung lagen die frisch abgestreiften Hüllen (Mauser) der jungen Brut des laufenden Jahres, nehmlich Schuppen von den Spulen, Federn, Flaum u. s. w. Unser Führer war spät im Februar an dieser Stelle vorbeigekommen, zu welcher Zeit sowohl Männchen als Weibchen ein großes Geräusch um das Nest machten; und aus dem, was wir später erfuhren, ist es höchst wahrscheinlich, daß es bereits in dieser frühen Jahreszeit Junge enthielt.
»Im folgenden Jahre, am ersten März,« erzählt Ord, »nahm einer meiner Freunde aus dem nehmlichen Neste drei Eier, wovon die größten drei und ein viertel Zoll lang waren, im Durchmesser zwei und ein viertel, und im Umfange gegen sieben Zoll maßen; sie wogen vier Unzen, fünf Drachmen, (Apothekergewicht); sie waren schmuzig gelblich weiß, und nur eins hatte eine sehr blaßbläulich weiße Farbe; die Jungen waren vollkommen ausgebildet. Die ängstliche Sorgfalt des Weibchens, die Eier zu erhalten, war so groß, daß es das Nest nicht eher verließ, als bis mehre Axtschläge gegen den Baum geführt worden waren.«
»Einige englische Meilen von diesem Orte entfernt,« fährt Wilson fort, »befindet sich ein andres Adlernest, welches ebenfalls auf einer Fichte erbaut ist, die, nach eingezogner Erkundigung vom Eigenthümer der Holzung, dieser Adler-Familie seit langer Zeit zur Wohnung gedient hatte. Den Baum, worauf das Nest ursprünglich erbaut war, hatten diese Adler seit undenklichen Zeiten, oder wenigstens so lange als er sich erinnern konnte, inne gehabt. Einige von seinen Söhnen fällten die Fichte, um die Jungen zu erlangen, deren Zahl sich auf zwei belief, bald darauf begann der Adler auf den unmittelbar daneben stehenden Baum ein neues Nest zu bauen, wodurch er eine große Vorliebe für diesen Ort an den Tag legte. Der nehmliche Mann erzählte uns, daß die Adler zu jeder Jahreszeit hier ihre Ruhestätte und Wohnung haben. Ueberdies behauptete er, daß die grauen oder Seeadler, die Jungen der weißköpfigen Adler wären, und daß sie nicht eher zu brüten anfingen, als bis sie einige Jahre alt geworden wären. Der weißköpfige Adler treibt seine Jungen nicht aus dem Neste, wie der Osprei oder Fischaar (Flußadler, Moosweih), sondern fährt, nachdem sie es verlassen, noch lange fort, sie zu füttern.«
Es hat den Anschein, als wenn diese Adler eine besondere Vorliebe für die Nähe von Wasserfällen hegten, da sie sich in großer Menge am Niagara-Falle aufhalten; und in Lewis und Clark's Reisebericht stoßen wir auf folgende Beschreibung eines solchen Adlernestes, welches die malerischen Effecte der großartigen Scenen an den Fällen des Missouri nicht wenig erhöht haben mag.
»Gerade unter der obersten Spitze,« erzählen die Reisenden, »befindet sich mitten im Flusse ein kleines holzreiches Eiland. Hier hatte ein Adler auf einem Baume (Gossypium arboreum) sein Nest errichtet und schien der unangefochtene Inhaber des Orts zu sein, dem seinen Besitz streitig zu machen, weder Menschen noch Thiere über die das Eiland umgebenden Strudel zu setzen wagten, da dasselbe noch überdies durch den, von den Fällen emporsteigenden Wasser-Nebel geschützt ist.«?
[48] Dieser Vogel fürchtet den Menschen so wenig, daß er nicht selten in die Bäume nistet, welche in den Städten Amerikas auf den Straßen wachsen. Wilson fand mehre dieser Nester innerhalb der Grenzen der Stadt Philadelphia: zwei in dem Knopfholzbaum (Platanus occidentalis), und ein drittes in dem verwitterten Stamme einer Ulme. »Die alten Vögel,« sagt dieser Forscher, »machen, wie mich meine Beobachtung gelehrt hat, ihre Excursionen regelmäßig nach den über Schuylkill hinaus liegenden Wäldern, ungefähr eine englische Meile von der Stadt, und beobachten beim Besuchen ihrer Nester große Stille und Vorsicht; Maßregeln, welche von solchen, die tiefer in den Wäldern nisten, nicht so streng beobachtet werden, weil das Späherauge des Menschen daselbst weniger zu fürchten ist. Allein trotz der Sorgfalt, welche dieser Vogel, so wie die andern Arten der nehmlichen Gattung, anwendet, um seine Jungen durch die Auswahl einer sicheren Lage gegen die Nachstellungen von Verfolgern zu sichern, hat er es doch mit einem Todtfeinde zu thun, gegen dessen Räubereien ihm weder die Höhe des Baumes noch die Tiefe der Höhle die mindeste Sicherheit gewähren. Dies ist die schwarze Schlange (Coluber constrictor), welche sich häufig am Stamme des Baumes hinauf windet und, wie ein lauernder Wilder, in die Höhle des armen Spechtes dringt, trotz dem Geschrei und ängstlichen Flattern der Aeltern die Eier und hülflosen Jungen verschlingt und, wenn es der Raum gestattet, sich an der Stelle, die sie eben erst einnahmen, zusammenrollt und daselbst einige Tage hindurch verharrt. Der wilde Schulknabe, nachdem er seinen Hals gewagt, um die Höhle des Spechtes zu erreichen, fährt, wenn der Zeitpunkt des Triumphs, wo er das Nest für sichre Beute hält und seinen entblößten Arm in die Höhle steckt, beim Anblick der scheußlichen Schlange erschrocken zurück, und stürzt fast von seiner schwindelnden Höhe herab, indem er mit ängstlicher Hast am Baume heruntergleitet. Ich habe von verschiedenen Abentheuern dieser Art gehört; und ein Fall zog ernste Folgen nach sich: Knabe und Schlange stürzten nehmlich zugleich auf die Erde herab und ein Schenkelbruch und langes Hüten des Bettes heilten den Waghals von seinem ehrgeizigen Streben, Spechtnester zu plündern, vollkommen.«
[49] »Dieser schöne Vogel,« sagt Wilson, »welcher, so viel ich darüber habe erfahren können, Nordamerika angehört, zeichnet sich durch sein prächtiges Kleid als eine Art von Elegant (beau) unter den befiederten Bewohnern unserer Wälder aus, und macht sich, gleich den meisten Gecken, sowohl durch seine Geschwätzigkeit als auch durch die Manier seiner Töne und Gebehrden noch bemerklicher. Der amerikanische Holzheher ist eilf Zoll lang, seinen Kopf ziert ein Kamm lichtblauer oder purpurfarbner Federn, welchen er nach Willkühr emporrichten oder senken kann; eine schmale schwarze Linie zieht sich längs der Stirnbinde hin, erhebt sich auf beiden Seiten über die Augen, geht aber nicht über sie hinweg, wie Catesby dies dargestellt hat, oder wie es Pennant und mehre Andre beschrieben haben; der hintere und obere Theil des Halses ist schön hell purpurfarben, doch herrscht das Blau vor; ein schwarzer Kragen reicht vom Hinterhaupte mit einer zierlichen Krümmung auf jeder Seite über den Hals herab bis an den oberen Theil der Brust, wo er einen Halbmond bildet; Kinn, Backen, Kehle und Bauch sind weiß, die drei ersteren lichtblau gefärbt; die größeren Flügel-Decken sind reich blau, die äußeren Fahnen der ersten Federn lichtblau, die der zweiten dunkel purpurfarben, mit Ausnahme der drei dem Körper zunächst befindlichen, welche glänzend lichtblau sind; alle diese, ausgenommen die ersten, sind prachtvoll mit schwarzen Halbmonden der Quere nach gestreift und weiß getüpfelt; die inneren Seiten der Flügelfedern sind dunkelschwarz; der Schwanz ist lang und keilförmig gestaltet und besteht aus zwölf glänzend lichtblauen, in halbzolligen Entfernungen mit schwarzen bogenartigen Querstreifen gezeichneten Federn; jede Feder ist weiß getüpfelt, mit Ausnahme der zwei mittelsten, welche nach den äußersten Enden zu in eine dunkle Purpurfarbe verlaufen; Brust und Seiten, unter den Flügeln, sind schmuzig weiß und mit Purpur gefleckt; die innre Seite des Mundes, Zunge, Schnabel, Beine und Krallen sind schwarz; die Regenbogenhaut des Auges ist nußbraun.
»Ein blauer Holzheher,« fährt Wilson fort, »den ich seit einiger Zeit gefangen gehalten, und mit dem ich in großer Vertraulichkeit lebe, ist ein wahres Muster von mildem Charakter und geselligen Sitten. Ein günstiger Zufall im Walde brachte mich zuerst in Besitz dieses Vogels, als er noch sein volles Gefieder hatte und noch voller Gesundheit und Muth war; ich nahm ihn mit mir nach Hause und steckte ihn in einen Käfig, den bereits ein goldgeflügelter Specht einnahm; hier wurde er aber so grob empfangen und erhielt von dem Inhaber des Käfigs dafür, daß er dessen Gebiet betreten, eine so harte Züchtigung, daß ich mich, um sein Leben zu erhalten, genöthigt sah, ihn wieder herauszunehmen. Ich setzte ihn hierauf in einen andern Käfig, dessen einziger Besitzer ein gemeiner weiblicher Bülan (orchard oriole) war. Dieser gebehrdete sich ebenfalls unruhig, als beleidige und gefährde ihn die Gegenwart des fremden Gastes; der Holzheher unterdeß saß stumm und bewegungslos auf dem Fußboden des Käfigs, entweder zweifelhaft über seine eigene Lage, oder in der Absicht, seiner Nachbarin Zeit zur Beschwichtigung ihrer Furcht zu gönnen. Und nach wenigen Minuten, nachdem sie verschiedene drohende Gebehrden entfaltet (gleich einigen Indianern bei ihren ersten Zukammenkünften mit den Weißen), begann sie, sich demselben zu nähern, jedoch mit großer Vorsicht, und zum schnellen Rückzug bereit. Da sie jedoch sah, daß der Holzheher anfing, auf eine friedfertige und demüthige Weise einige zerbröckelte Stückchen Kastanie aufzupicken, stieg sie ebenfalls herab und that das Nehmliche, drehete sich aber, bei der leichtesten Bewegung ihres neuen Gastes, diesem entgegen und setzte sich in Vertheidigungsstand. Jedoch ehe es Abend geworden, war alle diese ceremoniöse Eifersüchtelei verschwunden, und sie wohnen, fressen und spielen jetzt zusammen, in vollkommner Eintracht und guter Laune.
»Wenn der Holzheher trinken will, springt seine Tischgenossin keck und dreist in das Wasser, um sich zu baden, und schleudert es in Schauern über ihren Gefährten, der sich dies ganz geduldig gefallen läßt, und nur dann und wann wagt, etwas davon zu schlürfen, ohne das geringste Zeichen von Unwillen oder Empfindlichkeit zu verrathen. Im Gegentheil scheint er sich über seine kleine Mitgefangene zu freuen, indem er ihr erlaubt, sich an seinen Backenbart zu hängen, (was sie sehr sanft macht) und seine Krallen von zufällig daran hängenden Kastanienbröckchen zu reinigen. Diese Anhänglichkeit von der einen, und diese freundliche Nachgiebigkeit von der andern Seite, dürften vielleicht zum Theil die Wirkung des wechselseitigen Mißgeschicks sein, welches, wie die Erfahrung lehrt, nicht blos Menschen an einander anschließt, sondern auch manche Thierarten enger mit einander verbindet. Auch zeigt dieses Beispiel, daß der blaue Holzheher ein leicht bezähmbares Naturell besitzt und fähig ist, Zuneigung und zärtliche Gefühle, selbst für solche Vögel zu hegen, die er im natürlichen Zustande ohne Bedenken zu seiner Speise wählen würde.«
[50] Das Nest des Feuervogels ist von mehren Ornithologen geschildert worden. Latham, welcher von Wilson's wundervoller Beschreibung wesentlich abweicht, sagt: »das Nest ist aus einer flaumartigen, zu Fäden gedrehten Substanz locker gebaut, und hat ziemlich die Gestalt einer Börse, welche an die äußerste Gabel eines Tulpenbaums, einer Platane oder eines Hiccory-Baums befestigt ist.« Montbeillard ist noch kürzer in seinen Bemerkungen über diesen interessanten Bau. Wir wollen hier Wilson's Beschreibung von Anfang bis zu Ende mittheilen.