»Fast die ganze Gattung der Pirole (Bülaus),« sagt dieser Beobachter, »gehört Amerika an, und alle bauen, mit wenigen Ausnahmen, schwebende Nester. Nur wenige aber kommen in der Bauart dieser Wohnstätten für die Jungen dem Baltimore-Vogel gleich, welcher seinem Neste vor allen ihm verwandten Arten Bequemlichkeit, Wärme und Sicherheit zu geben weiß. Zu diesem Behufe wählt er die hohen, herabhängenden Zweigspitzen und befestigt starke, feste Fäden von Hanf oder Flachs um zwei der beabsichtigten Weite des Nestes entsprechende Gabelzweige; aus den nehmlichen Materialien, die mit lockerem Werge vermengt sind, webt oder fabricirt er eine starke, feste Art Filz, welcher gewissermaßen der Substanz eines noch rohen Hutes gleicht und den er zu einem sechs bis sieben Zoll tiefen Beutel gestaltet; inwendig füttert er das Nest reichlich mit verschiednen weichen und dem äußeren Netzwerk gehörig eingewobenen Substanzen, und kleidet es endlich mit einer Lage von Roßhaaren aus; das Ganze ist gegen Sonne und Regen durch ein natürliches Wetterdach oder einen Blätter-Baldachin geschützt. Was die Oeffnung anlangt, welche der Vogel, nach Pennant und andern Schriftstellern, auf der Seite für die Jungen sowohl zur Fütterung als Entfernung der Excremente lassen soll, ist auf jeden Fall ein Irrthum. Ich meines Theils habe nie ein solches Loch in der Nestwand des Baltimore-Vogels gefunden. Wiewohl Vögel der nehmlichen Art im Allgemeinen eine gemeinschaftliche Form beim Bauen ihres Nestes beobachten, so bauen sie doch nicht, wie man gewöhnlich glaubt, auf dieselbe Weise. Die Baltimore-Vögel unterscheiden sich eben so sehr durch Styl, Sauberkeit und Ausführung ihrer Nester als durch ihre Stimme. Einige scheinen vor allen andern geschickte Arbeiter zu sein und wahrscheinlich nehmen sie an Kunstfertigkeit eben so wie an Farbenpracht mit den Jahren zu. Ich habe jetzt eine Anzahl ihrer Nester vor mir, sämmtlich vollendet und mit Eiern angefüllt. Eins derselben, das sauberste und netteste, hat die Gestalt eines Cylinders, ist fünf Zoll weit, sieben Zoll tief und am Boden rund. Die oben befindliche Oeffnung ist durch einen horizontalen, ungefähr drittehalb Zoll breiten Deckel beschränkt. Die Materialien sind Flachs, Hanf, Werg, Haare und Wolle, welche sämmtlich zu einer vollkommnen Art Tuch verwebt sind, das Ganze ist überall sauber mit langen, mitunter zwei Fuß messenden Roßhaaren durchnäht. Der Boden besteht aus dicken Kuhhaar-Flocken und ist ebenfalls mit Roßhaaren durchnäht. Das eben beschriebne Nest hing an der Spitze eines horizontalen Apfelbaumzweiges, nach Südost gerichtet; es war, obgleich im Schatten, in einer Entfernung von hundert Schritten sichtbar, und das Werk eines sehr schönen und vollkommnen Vogels. Es befinden sich fünf weiße, schwach fleischfarbne, am breiten Ende mit purpurnen Flecken, und an den übrigen Theilen mit langen Linien gezeichnete Eier darin, die Linien sind haarfein und durchschneiden sich in mannigfaltigen Richtungen. Ich bin deswegen in der Angabe dieser einzelnen Umstände so ausführlich, weil es mein Wunsch ist, den spezifischen Unterschied zwischen dem ächten und Bastard-Baltimore-Vogel aufzustellen, da Dr. Latham und einige Andere der Meinung sind, daß beide Vögel einer und derselben Art angehören und nur durch ihre verschiednen Farbenschattirungen von einander abweichen.
»Der Baltimorevogel ist in der Brütezeit so sehr besorgt, sich die geeigneten Materialien zu seinem Neste zu verschaffen, daß die im Lande wohnenden Frauen genöthigt sind, ihr Garn und dergleichen, das sich zufällig auf der Bleiche befindet, aufmerksam zu bewachen, eben so muß der Pachter und Landmann seine jungen Pfropfreiser hüten, weil dieser Vogel sowohl das Garn als auch die Materialien, womit die letzteren befestigt sind, seinem Endzweck entsprechend findet und oft wegholt; sollte jedoch das erste zu schwer und die letzteren zu fest gebunden sein, so zerrt er lange Zeit daran herum, bevor er seinen Versuch aufgiebt. Man hat nach dem Abfallen der Blätter oft Strähne Seide und Zwirnfäden um das Nest des Baltimore- Vogels hängen sehen, die aber so verwebt und verschlungen waren, daß man sie durchaus nicht wieder herausfitzen konnte. Vor der Ankunft der Europäer konnten natürlicher Weise keine solche Materialien gewählt werden, allein mit dem Scharfsinn eines guten Architekten hat das Thierchen diesen Umstand zu seinem Vortheil benutzt, und man findet die stärksten und besten Materialien stets in denjenigen Theilen, welche das Ganze tragen.« Wilson's, Amer. Ornith. I. 26.
Vierzehnter Brief.
Nutzen botanischer Kenntnisse. — Das Feuerkraut (fireweed) Sarsaparilla-Pflanzen. — Prächtige Wasser-Lilie. — Reis-Beete. — Indianische Erdbeere. — Scharlachfarbner Akelei (Columbine) — Farnkräuter. — Gräser. —
Juli 13, 1834.
Der Winter scheint uns in diesem Jahre ziemlich zeitig verlassen zu wollen, zu Ende Februars war der Boden völlig frei von Schnee, und den ganzen März hindurch hielt milde und freundliche Witterung an, jedoch nicht so warm und überhaupt veränderlicher als im vorigen Jahre. In der letzten April-Woche und zu Anfange Mai's waren sämmtliche Waldbäume belaubt und prangten im schönsten lieblichsten Grün.
Am 14., 15. und 16. Mai wurde die Luft plötzlich kalt, ein scharfer Wind blies aus Nordwesten, und heftige Schnee-Stürme knickten die jungen Knospen und zerstörten manche Frühsaat; glücklicher Weise hatten wir uns mit unserm Säen nicht sehr beeilt, und dies war unter solchen Umständen sehr gut.
Unsre Wälder und Lichtungen sind jetzt mit schönen Blumen gefüllt. Sie werden sich aus den getrockneten Exemplaren, die ich Ihnen übersende, eine Vorstellung davon machen können. Sie werden darunter manche Lieblinge unsrer englischen Gärten und Gewächshäuser erkennen, welche die verschwenderische Hand der Natur nachlässig in den canadischen Wäldern und Wildnissen ausgestreut hat.