Ich fürchte nicht, Ihnen mit meinen botanischen Skitzen beschwerlich zu werden; ich habe noch mehre Pflanzen zu beschreiben: unter diesen sind jene zierlichen kleinen Immergrün-Arten, wovon, unter dem Namen Winter-Immergrün dieses Land Ueberfluß hat; drei oder vier zeichnen sich durch ihr schönes Laubwerk, ihre schönen Blumen und Früchte vorzüglich aus. Eins dieser Winter-Grüne, welches sehr häufig in unsern Fichten-Wäldern wächst, ist außerordentlich schön; es wird selten über sechs Zoll hoch; die Blätter sind hell glänzendgrün, lang, schmal, eiförmig und zart gekerbt, wie ein Rosen-Blatt; die Pflanze kommt in den ersten Monaten des Jahres beim ersten Thauwetter unter dem Schnee hervor, eben so frisch und grün wie zuvor, als sie unter der weißen Decke begraben wurde. Es scheint selten zu blühen. Ich habe es nur zweimal in der Blüthe gesehen; diese blühenden Exemplare hob ich sorgfältig für Sie auf, aber die getrocknete Pflanze kann Ihnen blos eine unvollkommne Vorstellung von dem geben, was sie einst in ihrer Frische und Schönheit war. Ich erinnere mich noch recht gut, daß Sie Ihre getrockneten Exemplare immer nur Pflanzen-Leichname nannten, und dabei bemerkten, daß gute Gemälde davon der Wirklichkeit weit näher kämen. Der Blüthenstengel erhebt sich zwei bis drei Zoll über den Mittelpunkt der Pflanze und ist mit runden carmosinrothen Knospen und Blüthen gekrönt. Die Blüthe besteht aus fünf Blumen-Blättern, deren Farbe sich vom blassesten Rosenroth bis zum dunkelsten Incarnat vertieft; die Narbe (Stigma) ist smaragdgrün und bildet gleichsam einen schwach gerippten Turban in der Mitte; um dieselbe stehen zehn amethystfarbene Staubfäden, kurz dies ist eine von den Juwelen der Blumen-Welt, und ließe sich mit einem von Amethysten umgebnen Smaragd-Ringe vergleichen. Der Farben-Contrast bei dieser Blume ist äußerst angenehm und gefällig, und die schönrothen Knospen und glänzenden, immer grünen Blätter erregen fast die nämliche Bewunderung, wie die Blüthe. Sie würden dieses schöne Gewächs gewiß für einen großen Gewinn für Ihre Sammlung von amerikanischen Sträuchern halten, allein ich zweifle, daß es, entfernt aus den Schatten der Fichten-Wälder, zur Blüthe kommen würde. Es scheint die von Pursh beschriebne Chimaphila corymbosa zu sein, nur daß dieser Botaniker in Angabe der Farbe der Blumen-Blätter von den meinigen etwas abweicht.
Ein andres bei uns heimisches Wintergrün wächst in großer Menge auf den Reis-Ebnen; diese Pflanze wird nicht über vier Zoll hoch; die Blüthen stehen in kleinen losen Büscheln, sind blaß grünlich weiß und gleichen in Gestalt den Blüthen der Sandbeere (Arbutus); die Beeren sind hell scharlachroth und unter dem Namen Winter- und Rebhuhn-Beere bekannt; jedenfalls ist dies die Gualtheria procumbens. Ein noch schöneres kleines Immergrün derselben Gattung wächst in unsern Cedern-Mooren, unter dem Namen Tauben-Beere (pigeon-berry), es gleicht der Sandbeere in Blatt und Blüthe mehr als die zuvor erwähnte Pflanze; die scharlachrothe Beere sitzt in einem Kelche oder Behälter, der am Rande in fünf Spitzen ausläuft, fleischig ist, und mit der Frucht selbst von einerlei Beschaffenheit zu sein scheint. Die Blüthen dieses hübschen kleinen Strauches erscheinen, wie die des Arbutus, wovon er gleichsam das Miniatur-Bild ist, in hängenden Büscheln zu der nämlichen Zeit, wo die Beere des vorigen Jahres ihre vollkommne Reife erlangt hat; dieser Umstand trägt nicht wenig zu der reizenden Erscheinung der Pflanze bei. Wenn ich mich nicht irre, so ist es die Gualtheria Shallon, welche Pursh mit dem Arbutus vergleicht; sie gehört ebenfalls zu unsern Immergrünen.
Wir haben ferner eine niedliche kriechende Pflanze, mit zarten kleinen trichterförmigen Blumen und einem Ueberfluß an kleinen dunkelgrünen runden buntfarbigen Knospen und hellrothen Beeren, die an den Zweig-Enden sitzen. Die Blüthen dieser Pflanze stehen paarweise und sind am Fruchtknoten so eng mit einander verbunden, daß die scharlachrothe Frucht, welche der Blüthe folgt, einer doppelten Beere gleicht, — jede Beere enthält die Samen beider Blüthen und ein doppeltes Auge. Die Pflanze wird auch Winter-Grün oder Zwillings-Beere (twin-berry) genannt; sie gleicht keinem der andern Wintergrüne; sie wächst in moosreichen Wäldern, kriecht an der Erde hin und scheint gern kleine Hügelchen und Ungleichheiten des Bodens zu überziehen. In Zierlichkeit des Wuchses, Zartheit der Blume und Farbenglanz der Beere, steht dieses Wintergrün den zuvor beschriebnen wenig nach.
In unsern Wäldern kommt eine Pflanze vor, welche unter dem Namen Man-drake (Mandragore), May-apple (Mai-Apfel) und ducks-foot (Enten-Fuß) bekannt ist. Die Botaniker nennen sie Podophyllum[53], und sie gehört, was Klasse und Ordnung betrifft, der Polyandria monogynia an. Ihre Blüthe ist gelblich weiß, die Blumenkrone besteht aus sechs Blumen-Blättern; die Frucht ist länglichrund und, reif, grünlich gelb; in Größe gleicht dieselbe einer Olive, oder großen Mandel; nach Erlangung ihrer völligen Reife schmeckt sie, wie eingemachte Tamarinden, angenehm säuerlich; sie scheint wenig zu tragen, wiewohl sie auf reichem nassem Waldboden schnell überhand nimmt. Die handförmigen Blätter kommen einzeln hervor, und beschatten, stehen mehre Pflanzen beisammen, den Boden ziemlich dicht, sind mit ihrem Mittelpunkt an den Blattstiel befestigt und gleichen, wenn sie zuerst über der Erde erscheinen, zusammen gefalteten Regen- oder Sonnen-Schirmen, indem ihre Kanten sämmtlich abwärts stehen, mit der Zeit entfalten sie sich und bilden eben so viele kleine, schwach convexe Baldachins. Die Frucht dürfte sich mit Zucker sehr gut zum Einmachen eignen.
Das Lilien-Geschlecht bietet eine große Mannigfaltigkeit, von den kleinsten bis zu den größten Blumen, dar. Die rothe Martagon-Lilie (Gelbwurz) wächst in großer Menge auf unsern Ebnen. Der gemeine Hundszahn (Erythronium dens canis), mit seinen gefleckten Blättern, glockenförmigen hängenden, gelben, inwendig mit hochrothen Tüpfeln zart gefleckten und auswendig mit feinen Purpur-Linien gezeichneten Blumen, verleiht unsern Wäldern, wo er sich schnell vermehrt, einen großen Reiz; er bildet ein schönes Blumenbeet, die Blätter kommen einzeln hervor, von jeder besondern Knolle eins. Es giebt zwei Varietäten von dieser Pflanze, die blaßgelbe, ohne Tüpfeln und Linien, und die dunkelgelbe, mit Tüpfeln und Linien; die Staubwege der letztern sind röthlich orangenfarben und dick mit feinen Blumenstaub bepudert[54].
Der Daffodil unsrer Wälder ist eine zarte hängende, blaßgelbe Blume; die Blätter stehen längs dem Blumenschaft, von einer Entfernung zur andern; drei oder mehre Blüthen folgen gewöhnlich an der Spitze des Schaftes, eine nach der andern; dieses Gewächs liebt dunkelschattige, feuchte Waldstellen.
Eine sehr schöne Pflanze, dem Lilien-Geschlecht angehörig, wächst in großer Menge in unsern Wäldern und Lichtungen; in Ermangelung eines passenderen Namens nenne ich dieselbe Douri-Lilie, wiewohl sie weit über einen großen Theil des Continents verbreitet ist. Die Amerikaner nennen die weiße und rothe Spielart dieser Species »weißen und rothen Tod.« Die Blume ist entweder dunkelroth oder glänzend weiß, jedoch findet man die weiße bisweilen mit einem zarten Rosenroth oder einem dunkeln Grün betupft; letztere Farbe scheint durch den Uebergang des Kelches in das Blumen-Blatt bewirkt zu werden. Warum sie einen so furchtbaren Namen erhalten, ist mir bis jetzt ein Räthsel geblieben. Die Blumenkrone besteht aus drei Blumen-Blättern, der Kelch ist dreitheilig; sie gehört der Hexandria monogynia an, der Griffel ist dreispaltig; der Samenbehälter dreiklappig; sie liebt drockne Wälder und gelichteten Boden; die Blätter stehen zu dreien, entspringen von den Gelenken, sind groß, rund und an den Enden etwas zugespitzt.
Wir haben Mai-Blumen (lilies of the valley) und die mit ihnen zugleich erscheinende Meisterwurz, einen kleinblumigen Türkenbund von blaßgelber Farbe, nebst einer endlosen Mannigfaltigkeit von kleinen Liliaceen, die sich sowohl durch ihre schönen Blätter als ihre zarten Formen auszeichnen.
Unsre Farnkräuter sind sehr zierlich gestaltet und zahlreich; ich habe nicht weniger als acht verschiedne Arten in unsrer unmittelbaren Nachbarschaft gesammelt; einige davon nehmen sich ganz allerliebst aus, vorzüglich eine, welche ich wegen ihrer leichten zierlichen Form »Elfen-Farn« (fairy-fern) nenne. Ein elastischer Stamm von purpurartigem Roth trägt mehre leichte Seiten-Zweige, die sich mannigfaltig verästeln und mit zahllosen Blättchen besetzt sind; jedes Blättchen hat einen Stiel, welcher es mit dem Zweige verbindet, und dieser Stiel ist so leicht und haarartig, daß der leiseste Luftzug die ganze Pflanze in Bewegung setzt.