König Philipp erhebt sich nun und fällt auf die Knie:

„Heilige Majestät,“ sagt er, „wie ist es mir erlaubt, diese Krone aus Euren Händen zu empfangen, wenn Ihr noch so fähig seid, sie zu tragen.“

Dann sagt Seine Heilige Majestät ihm ins Ohr, er solle zu den Männern, so auf den mit Teppich belegten Bänken sitzen, wohlwollend reden.

König Philipp wendet sich zu ihnen und sagt in mürrischem Ton, ohne sich zu erheben:

„Ich verstehe ziemlich gut französisch, aber nicht genug, um zu Euch in dieser Sprache zu sprechen; Ihr werdet hören, was der Bischof von Arras, Herr Granvella, Euch in meinem Namen sagen wird.“

„Du sprichst schlecht, mein Sohn“, sagt Seine Majestät.

Und wahrlich, die Versammlung murrt, da sie den jungen König so stolz und so hoffärtig sieht. Die Frau Königin spricht auch, um ihn zu prüfen. Dann kommt ein alter Magister dran, der, da er fertig ist, von Seiner Heiligen Majestät als Zeichen des Danks einen Wink mit der Hand empfäht. Nun sind die Zeremonien und Ansprachen zu Ende. Seine Majestät spricht seine Untertanen ihres Treuschwurs ledig, unterzeichnet die hierfür aufgesetzten Urkunden, und von seinem Throne sich erhebend, setzt er seinen Sohn darauf. Und jedermann im Saale weint. Dann gehen sie wiederum in das Haus im Lustgarten.

Da sie zum andern Mal im grünen Gemache sind, allein und bei verschlossenen Türen, lacht Seine Majestät aus vollem Halse und spricht zu König Philipp, der nicht lacht, also:

„Sahest Du, wie wenig vonnöten ist, um diese guten Kerle zu rühren?“ spricht er, indem er zugleich redet, schluckt und lacht. „Welche Flut von Tränen! Und dieser dicke Maes, der wie ein Kalb weinte, da er seine lange Salbaderei endete. Du selbst schienest bewegt, aber nicht genug. Das sind die wahren Schauspiele, die das Volk haben muß. Mein Sohn, wir Männer schätzen unsere Liebsten um so höher, je mehr sie uns kosten. So auch bei den Völkern. Je mehr wir sie zahlen lassen, um so mehr lieben sie uns. Ich habe die reformierte Religion in Deutschland geduldet und in den Niederlanden hart gestraft. Wären die deutschen Fürsten katholisch gewesen, so wäre ich lutherisch geworden und hätte ihre Besitztümer eingezogen. Sie glauben an die Redlichkeit meines Eifers für den katholischen Glauben und beklagen, daß ich sie verlasse. In den Niederlanden sind auf mein Geheiß um der Ketzerei willen fünfzigtausend ihrer tapfersten Männer und ihrer hübschesten Mädchen umgekommen. Ich gehe und sie jammern. Ungerechnet der Gütereinziehungen hab ich sie mehr Steuern zahlen lassen als Indien und Peru: sie sind betrübt mich zu verlieren. Ich habe den Frieden von Cadzant gebrochen, Gent bezwungen, alles unterdrückt, was mich hindern konnte; Gerechtsame, Freiheiten, Privilegien, alles ist der Bestätigung der Beamten des Fürsten unterworfen. Diese Biedermänner glauben sich noch frei, weil ich ihnen erlaube, mit der Armbrust zu schießen und ihre Zunftfahnen bei Umzügen zu tragen. Sie fühlen die Hand des Herrn. Sie sind im Käfig und befinden sich wohl darin, singen und weinen um mich. Mein Sohn, sei gegen sie, wie ich es war, gütig in Worten, rauh in Taten; lecke, wenn Du nicht beißen mußt. Schwöre, schwöre immer auf ihre Gerechtsame, Freiheiten und Privilegien; aber so sie eine Gefahr für Dich werden können, vernichte sie. Sie sind von Eisen, wenn man sie mit furchtsamer Hand berührt, von Glas, wenn man sie mit starkem Arme zerbricht. Schlage die Ketzerei zu Boden, nicht weil sie von der römischen Religion abweicht, sondern weil sie in den Niederlanden unsere Macht zerstören würde. Die, so den Papst angreifen, welcher drei Kronen trägt, haben den Fürsten, die nur eine haben, bald den Garaus gemacht. Mache gleich mir die Gewissensfreiheit zum Majestätsverbrechen mit Gütereinziehung, so wirst Du erben, wie ich mein Lebelang getan habe. Und wenn Du gehst, um abzudanken oder zu sterben, werden sie sagen: Ach, der gute Fürst! Und sie werden weinen.“

„Und ich höre nichts mehr,“ sprach Nele weiter, „denn Seine Heilige Majestät hat sich auf ein Bett gelegt und schläft, und König Philipp, stolz und hoffärtig, blickt ihn ohne Liebe an.“