„Weiß ich es?“ versetzte Lamm. „Wo ist die Zeit hin, da ich bei ihr aus und ein ging, mit dem Plan, sie zu freien, und sie mich aus Furcht und Liebe floh. Wenn ihre Arme bloß waren, ihre schönen runden weißen Arme, und sie ward inne, daß ich sie anschaute, ließ sie unversehens ihre Ärmel darüber fallen. Zu andern Malen ließ sie sich mein Kosen gefallen und ich konnte sie auf die holden Äuglein küssen, welche sie schloß, und auf den vollen festen Nacken. Dann schauderte sie und schrie ein wenig, neigte den Kopf zurück, und gab mir solcherart einen Nasenstüber. Und sie lachte, wenn ich Au sagte, und ich gab ihr verliebte Schläge und zwischen uns war nichts denn Spiel und Lachen. / Thyl, ist noch Wein in der Flasche?“
„Wohl“, antwortete Ulenspiegel.
Lamm trank und redete weiter:
„Zu andern Zeiten, wenn sie verliebter war, legte sie mir beide Arme um den Hals und sagte: „Du bist schön!“ Und sie küßte mich wie toll und hundert Mal nacheinander auf Wange und Stirn, aber nimmer auf den Mund, und wenn ich sie fragte, woher ihr diese große Sprödigkeit bei so großer Ungezwungenheit komme, lief sie eilends nach einem Humpen, der auf einem Schrein stand, nahm daraus eine Puppe, mit Seide und Perlen angetan, schüttelte und wiegte sie und sprach: „So etwas will ich nicht.“ Ohne Zweifel hatte ihre Mutter, um sie in Sittsamkeit zu bewahren, gesagt, daß die Kinder mit dem Munde gemacht werden. Ach, süße Augenblicke! Holdes Kosen! / Thyl, sieh zu, ob Du nicht einen kleinen Schinken in der Weidtasche findest.“
„Einen halben“, antwortete Ulenspiegel und gab ihn Lamm, der ihn ganz und gar verspeiste.
Ulenspiegel sah ihm zu und sagte:
„Dieser Schinken tut mir im Magen wohl.“
„Mir desgleichen,“ sagte Lamm und stocherte sich die Zähne mit den Nägeln. „Aber ich werde meine Liebste nicht wiedersehen. Sie ist aus Damm entflohen. Willst Du sie mit mir in meinem Wagen suchen?“
„Das will ich“, sagte Ulenspiegel.
„Aber,“ sprach Lamm, „ist nichts mehr in der Flasche?“