12


Ulenspiegel und Lamm kamen an den Ort, der Minnewater (Liebeswasser) genannt wird; aber die hochgelahrten Doktoren und Wysneusen (Naseweisen) sagen, daß es Minrewater, Wasser der Mindesten heiße[3]. Ulenspiegel und Lamm setzten sich an den Rand des Wassers und sahen unter den Bäumen, deren Laubwerk wie ein niedrig Gewölbe bis auf ihre Köpfe hing, Männer und Frauen, Mägdlein und Knaben vorübergehen. Sie trugen Kränzlein in den Haaren, reichten sich die Hände und wandelten Hüfte an Hüfte, blickten sich zärtlich in die Augen und sahen nichts in dieser Welt denn sich selbst.

Ulenspiegel betrachtete sie und gedachte an Nele. Und bei diesem traurigen Gedanken sprach er: „Laß uns trinken gehen.“

Aber Lamm hörte Ulenspiegel nicht und betrachtete auch die verliebten Pärlein.

„Ehedem gingen wir auch so vorbei, mein Weib und ich, und just solchen, die gleichwie wir sich einsam ohne Weib am Ufer der Gräben ausstrecken, trugen wir unsre Liebe zur Schau.“

„Komm trinken,“ sprach Ulenspiegel, „wir werden die Sieben auf dem Boden eines Maßkruges finden.“

„So redet ein Trinker,“ antwortete Lamm, „Du weißt, daß die Sieben Riesen sind und unter dem großen Gewölbe der Kirche des heiligen Erlösers nicht aufrecht stehen könnten.“

Ulenspiegel gedachte traurig Neles und auch, daß sie etwan in irgend einem Gasthaus gutes Nachtlager, gutes Abendbrot und eine artige Wirtin finden möchten und sagte wiederum:

„Laß uns trinken gehen.“