Plötzlich sprach die Wirtin, die zwischen ihren beiden Talglichtern stand, mit lauter, dräuender Stimme:
„Gevatterinnen und Mädchen, ich schwöre Euch bei meinem Erzteufel, so Ihr nicht im Augenblick mit Lachen und Güte diesen Mann zur Einsicht, das heißt, in Euer Bett gebracht habt, so werde ich die Nachtwächter rufen und Euch alle an seiner statt peitschen lassen. Ihr verdient nicht den Namen loser Dirnen, wenn Ihr umsonst die leichtfertige Zunge, die kecke Hand und lodernden Augen habt, um das männliche Geschlecht zu reizen, wie die Weibchen der Glühwürmer tun, die nur zu diesem Ende ein Licht haben. Und Ihr werdet ohne Gnade für Eure Dummheit gepeitscht werden.“
Bei dieser Rede zitterten die Dirnen, und Lamm ward frohgemut. „Heda, Gevatterinnen,“ sagte er, „welche Kunde bringt Ihr aus dem Lande der peitschenden Riemen? Ich werde selber die Wächter holen. Sie werden ihre Pflicht tun, und ich werde ihnen dabei helfen, das wird mir große Kurzweil sein.“
Doch siehe, da warf sich ein liebliches Kind von fünfzehn Jahren zu seinen Füßen.
„Herr,“ sagte sie, „Ihr sehet mich hier vor Euch in Demut ergeben. So Ihr nicht geruhet, eine unter uns zu wählen, muß ich Euretwillen geschlagen werden. Und die Wirtin dort wird mich in einen abscheulichen Keller unter der Schelde stecken, wo das Wasser von den Wänden sickert, und wo ich nur schwarzes Brot zu essen bekomme.“
„Wird sie wirklich meinetwegen geschlagen werden, Frau Wirtin?“ fragte Lamm.
„Bis aufs Blut,“ antwortete diese.
Da betrachtete Lamm das Mägdlein und sprach: „Ich sehe dich so frisch und duftig; deine Schulter taucht wie ein großes, weißes Rosenblatt aus Deinem Kleide auf. Ich will nicht, daß diese schöne Haut, unter der das Blut so jugendlich fließt, unter der Peitsche leidet, noch daß diese Augen, vom Feuer der Jugend hell, wegen schmerzhafter Schläge weinen, oder daß die Kälte des Kerkers diesen Körper einer Huldin erschauern lasse. So will ich Dich denn lieber wählen als Dich geschlagen wissen.“
Das Mädchen führte ihn fort. Also sündigte er aus Seelengüte, wie er es sein ganzes Leben tat.
Unterweilen stunden Ulenspiegel und ein großes, schönes, braunes Mädchen mit krausem Haar einander gegenüber. Das Mädchen sah Ulenspiegel lockend an, ohne ein Wort zu sagen, und schien ihn nicht zu wollen.