„Ich weiß es besser als Du. Ich sage, daß wir Narren sind, ich, Du und Ulenspiegel desgleichen, uns die Augen aus dem Kopf zu arbeiten für all die Prinzen und Großen der Erde; sie würden trefflich lachen, wenn sie sähen, wie wir vor Müdigkeit umkommen und nicht schlafen, um Waffen zu schmieden und Kugeln für ihren Dienst zu gießen. Derweilen trinken sie französischen Wein aus güldenen Humpen und essen deutsche Kapaunen von Schüsseln aus engelländischem Zinn. Indessen wir in der Luft nach Gott suchen, durch dessen Gnade sie mächtig sind, fragen sie nicht danach, ob ihre Feinde uns mit ihren Sensen die Beine abschlagen und uns in die Grube des Todes werfen. Inzwischen aber werden sie, die weder Reformierte noch Calvinisten, weder lutherisch noch katholisch sondern ganz und gar Skeptiker und Zweifler sind, Fürstentümer kaufen und erobern; sie werden das Gut der Mönche, Äbte und Klöster verzehren; ihnen wird alles gehören: Jungfrauen, Frauen und Dirnen. Aus ihren güldenen Humpen werden sie auf ihre dauernde Spottlust trinken, auf unsere immerwährenden Albernheiten, Torheiten und Eseleien und auf die sieben Todsünden, so sie, oh Schmied Wasteele, vor Deiner von Begeisterung mageren Nase begehen. Schau die Felder, die Wiesen, die Ernten, die Obstgärten, die Ochsen, das Gold, das aus der Erde kommt; schau die Tiere des Waldes, die Vögel des Himmels, die köstlichen Fettammern, die feinen Krammetsvögel, den Wildschweinskopf, die Rehkeule: ihnen gehört alles, Waidwerk und Fischfang, Erde, Meer, alles. Und Du lebst von Brot und Wasser, und wir richten uns hier zu Grunde, ohne zu schlafen, ohne zu essen und zu trinken. Und wenn wir gestorben sind, werden sie unserm Aas einen Fußtritt geben und zu unsern Müttern sprechen: „Macht andere, diese sind nichts mehr nutz.“
Ulenspiegel lachte stumm, Lamm prustete vor Entrüstung, aber Wasteele sagte mit sanfter Stimme:
„Du redest leichtfertig. Ich lebe mit nichten für Schinken, Bier, noch Fettammern, sondern für den Sieg des freien Gewissens. Der Freiheitsprinz tut gleich wie ich. Er opfert sein Hab und Gut, seine Ruhe und sein Glück, um die Henker und die Tyrannei aus den Niederlanden zu vertreiben. Tu wie er und versuche mager zu werden. Nicht durch den Bauch rettet man die Völker, sondern durch stolzen Mut und Beschwerden bis an den Tod, ohne Murren ertragen. Und jetzo geh und leg Dich schlafen, wenn Dich schläfert.“
Doch Lamm wollte nicht, maßen er sich schämte.
Und sie schliffen Waffen und gossen Kugeln bis an den Morgen. Und also während dreier Tage.
Dann brachen sie in der Nacht nach Gent auf und verkauften Käfige, Mausefallen und Oelkuchen.
Und sie rasteten in Meulestee, dem Städtlein der Mühlen, dessen rote Dächer man allerorten erblickt, und kamen dort überein, ihr Handwerk getrennt auszuüben und sich am Abend vor der Feierstunde in der Herberge „Zum Schwanen“ zu treffen.
Lamm streifte durch die Gassen von Gent, indem er seine Oelkuchen verkaufte und Geschmack an diesem Handwerk fand. Er suchte sein Weib, leerte gar viele Schoppen und aß ohn Unterlaß.
Ulenspiegel hatte des Prinzen Briefe Jakob Scoelap, einem Doktor der Medicin, und Lieven Smet, einem Tuchschneider, Jan de Wulfschager und Gillis Coorne, einem Rotfärber übergeben, desgleichen Jan de Roose, einem Ziegelbrenner. Diese gaben ihm das Geld, so sie für den Prinzen gesammelt hatten, und hießen ihn noch etliche Tage in Gent und in der Umgegend verweilen; denn man würde ihm noch mehr geben.
Nachdem jene später am Neuen Galgen wegen Ketzerei gehenket waren, wurden ihre Leichname auf dem Galgenfelde, nahe dem Tor von Brügge begraben.