„Was bringst Du, Glück oder Unglück?“
„Ach,“ sagte Ulenspiegel, „der Schweiger, sein Bruder Ludwig, die andern Führer und die Franzosen waren entschlossen, in Frankreich weiter vorzurücken und sich mit dem Prinzen von Condé zu vereinigen. Also hätten sie das arme, belgische Vaterland und das freie Gewissen gerettet. Gott hat es anders gewollt. Die deutschen Reiter und Landsknechte weigerten sich, weiter zu ziehen, und sagten, daß ihr Eid sie verpflichte, wider den Herzog von Alba zu fechten, nicht aber wider Frankreich. Nachdem er sie vergeblich angefleht hatte, ihre Pflicht zu tun, mußte der Schweiger sie notgedrungen durch die Champagne und Lothringen bis nach Straßburg führen, von wo sie nach Deutschland zurückkehrten. Infolge dieses plötzlichen und hartnäckigen Abzugs mißglückt alles. Der König von Frankreich, ohngeachtet seines Vertrages mit dem Prinzen, weigert sich, das Geld zu zahlen, das er versprochen. Die Königin von England hatte ihm welches schicken wollen, um die Stadt Calais und Umgegend wieder in Besitz zu bekommen; doch ihre Briefe wurden aufgefangen und dem Cardinal von Lothringen überliefert, der eine ablehnende Antwort fälschte. Also sehen wir dies schöne Heer, unsere Hoffnung, wie Gespenster beim Hahnenschrei vergehen. Aber Gott ist mit uns, und so das Land versagt, wird das Wasser seine Schuldigkeit tun. Es lebe der Geuse!“
32
Bitterlich weinend, kam das Mädchen eines Tages, und erzählte Lamm und Ulenspiegel:
„Spelle läßt für Geld Mörder und Diebe in Meulestee entwischen und die Unschuldigen bringt er um. Mein Bruder Michielkin ist unter ihnen. Wehe, lasset es mich Euch sagen, Ihr, die Ihr Männer seid, werdet ihn rächen. Ein schmutziger und schändlicher Wüstling, Pieter de Roose, ein gewohnter Verführer von Kindern und Mägdlein, war Ursach des ganzen Leids. Ach, mein armer Bruder Michielkin und Pieter de Roose waren eines Abends, ob zwar nicht am nämlichen Tisch, in der Schenke zum Falken, allwo Pieter de Roose von jedermann wie die Pest geflohen ward. Mein Bruder, der ihn nicht in der gleichen Stube mit sich sehen wollte, schalt ihn einen wollüstigen Schurken und hieß ihn reine Luft machen. Pieter de Roose entgegnete, der Bruder einer öffentlichen Dirne sollte den Kopf nicht so hoch tragen. Er log; ich bin nicht öffentlich und gebe mich nur dem, der mir gefällt. Michielkin drauf warf ihm sein Maß Würzbier ins Gesicht und erklärte ihm, daß er gelogen habe wie ein schmutziger Wüstling, der er wäre, und bedrohte ihn, so er sich nicht hinausschere, sollte er seine Faust bis an den Ellenbogen fressen. Der andere wollte noch reden, aber Michielkin tat, was er gesagt hatte. Er gab ihm zwei gewaltige Schläge ins Gebiß und schleppte ihn an den Zähnen, mit denen er biß, auf die Landstraße; allda ließ er ihn ohne Erbarmen verwundet liegen.
„Da Pieter de Roose geheilt war und nicht einsam leben mochte, kehrte er in’t Vagevuur ein, wahrlich ein Fegefeuer und eine elende Schänke, allwo nur arme Leute sind. Auch da ward er allein gelassen, sogar von diesen Lumpen. Und keiner redete zu ihm, ohne einige Bauern, welchen er unbekannt war, oder etliche fahrende Bettler und entlaufene Söldner. Er ward dort sogar unterschiedliche Male geprügelt, denn er war ein Zänker.
„Da der Profoß Spelle mit zwei Häschern nach Meulestee gekommen war, folgte Pieter de Roose ihnen allerwege wie ein Hund. Auf seine Kosten ließ er sie sich, soviel sie nur konnten, an Wein, Fleisch und andern Freuden, so mit Geld bezahlt werden, ergötzen. Also ward er ihr Geselle und Kamerad und begann, wie es seine Bosheit ihm eingab, Die, so er verabscheute, zu peinigen: nämlich alle Einwohner von Meulestee, insonderheit aber meinen armen Bruder. Er fing mit Michielkin an. Falsche Zeugen, nach Gülden lüsterne Galgenvögel, sagten aus, daß Michielkin ein Ketzer wäre, unflätige Reden über Unsere liebe Frau gehalten und manchesmal den Namen Gottes und der Heiligen in der Schenke „zum Falken“ gelästert hatte. Und überdies hätte er dreihundert Gülden in einer Truhe.
„Ohngeachtet die Zeugen nicht von gutem Wandel und Sitten waren, wurde Michielkin gefangen gesetzt. Da die Beweise von Spelle und seinen Häschern für ausreichend erklärt wurden, um den Angeschuldigten zu foltern, so ward Michielkin mit den Armen an einer Rolle aufgehängt, die an der Decke befestigt war. An jeden Fuß hängte man ihm ein Gewicht von fünfzig Pfund. Er leugnete seine Schuld und sagte, wenn es in Meulestee einen Lumpen, Schurken, Lästerer und Wüstling gäbe, so wäre das Pieter de Roose und nicht er. Aber Spelle wollte nichts hören und hieß seine Henkersknechte Michielkin bis an die Decke emporziehen und mit den Gewichten an den Füßen gewaltsam wieder herabfallen. Solches taten sie und so grausam, daß dem Gefolterten Haut und Muskeln der Knöchel zerrissen und der Fuß kaum am Beine festsaß.