„Señora, könntet Ihr nicht einen Augenblick verweilen?“
Ungeduldig wie eine Stute, die zu dem schönen Hengst rennen will, der auf der Wiese wiehert, und im vollen Lauf aufgehalten wird, sprach sie:
„Hoheit, ein jeder muß hier Eurem fürstlichen Willen gehorchen.“
„Setzet Euch neben mich“, sprach er. Und dieweil er sie lüstern, hart und verschlagen anblickte, fuhr er fort: „Sagt mir das Paternoster auf vlämisch her; man hat es mich gelehrt, doch ich habe es vergessen.“
Die arme Dame mußte also ein Pater hersagen, und er hieß sie es langsamer zu sprechen. Und so zwang er die Ärmste, an die zehn Gebete zu sprechen, wo sie die Stunde für andre Oremus gekommen wähnte. Darnach lobte er sie, sprach von ihren schönen Haaren, ihren lebhaften Farben, ihren hellen Augen. Doch er wagte nicht, ihr etwas über ihre vollen Schultern, ihren runden Busen, noch über andere Dinge zu sagen.
Wie sie nun wähnte, sich beurlauben zu dürfen, und schon in den Hof blickte, wo gewißlich ihr Ritter harrte, forschte er sie aus, ob sie auch wisse, welches die Tugenden der Frau seien. Da sie keinen Bescheid gab, aus Furcht, nicht das rechte zu treffen, sprach er für sie und sagte wie ein Vormund:
„Frauentugenden sind Keuschheit, Sorge um die Ehre und ein sittiges Leben.“
Auch riet er ihr, sich ziemlich zu kleiden, und alles, was ihr zu eigen gehörte, wohl zu verbergen.
Sie nickte bejahend mit dem Kopf und sagte, daß sie sich für seine Allernördlichste Hoheit lieber mit zehn Bärenfellen, denn mit einer Elle Musselin bedecken würde.
Da sie ihn durch diese Antwort verdutzt gemacht hatte, entwich sie mit Freuden.