„Ja, ja,“ sprach Nele, „haltet das Papier vors Feuer; der Herr Wundarzt ist auf der rechten Fährte, denn der Mörder erblaßt, und seine Beine schlottern.“

Hierauf erwiderte Herr Joos Damman:

„Ich erblasse nicht, noch zittere ich, Du kleine Harpye aus dem Volke, die den Tod eines adligen Mannes will. Es wird Dir nicht gelingen, dies Pergament muß verfault sein, nachdem es sechzehn Jahre in der Erde gelegen hat.“

„Das Pergament ist nicht verfault,“ sagte der Schöffe, „die Gürteltasche war mit Seide gefüttert. Die Seide zerfällt in der Erde nicht und die Würmer haben das Pergament nicht zerfressen.“

Das Pergament ward vors Feuer gelegt.

„Euer Gnaden! Herr Amtmann,“ sprach Nele, „sehet, die Tinte wird vor dem Feuer sichtbar. Befehlt, daß man das Geschriebene lese.“

Da der Wundarzt sich anschickte zu lesen, wollte Herr Joos Damman die Arme ausstrecken, um das Pergament an sich zu reißen, aber schnell wie der Wind stürzte Nele sich auf seinen Arm und sagte:

„Du sollst es nicht anrühren, denn da stehet Dein Tod oder Kathelines Tod geschrieben. Wenn Dir jetzt das Herz blutet, Mörder, so blutet das unsre seit fünfzehn Jahren; fünfzehn Jahre sind es, daß Katheline leidet, fünfzehn Jahre, daß ihr deinetwegen das Hirn im Kopf verbrannt ward, fünfzehn Jahre, daß Soetkin an den Folgen der Tortur starb, fünfzehn Jahre, daß wir bedürftig und zerlumpt sind und im Elend leben, wenn auch stolzen Sinnes. Lest das Papier, lest das Papier! Die Richter sind Gott auf Erden, denn sie sind die Gerechtigkeit; leset das Papier!“

„Leset das Papier,“ schrien Männer und Weiber weinend. „Nele ist tapfer! Lest das Papier! Katheline ist keine Hexe!“

Und der Gerichtsschreiber las: