Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen hatten die beiden andern dasselbe Gefühl genau in demselben Augenblick empfunden, so daß Mr. Giles ganz offenbar recht gehabt hatte, als er sagte: es kam von der Umzäunung her – namentlich, da hinsichtlich des Zeitpunktes, in dem die Veränderung Platz gegriffen hatte, gar kein Zweifel obwalten konnte, da sich alle drei entsannen, daß sie in dem Augenblicke, da sie eintrat, die Einbrecher zu Gesicht bekommen hätten.

Dieses Gespräch führten die beiden Männer, welche die Einbrecher überrascht hatten, und ein wandernder Kesselflicker, der in einem Nebengebäude geschlafen und sich nebst seinen beiden Hunden hatte entschließen müssen, an dem gefahrvollen Abenteuer der Diebesverfolgung teilzunehmen. Mr. Giles diente der alten Dame, welche das Haus bewohnte, in der doppelten Eigenschaft als Keller- und Haushofmeister, und Brittles war Bedienter, Gärtner, Ausläufer usw. Die alte Dame hatte ihn in ihren Dienst genommen, als er noch ein kleiner, vielversprechender Knabe gewesen war, und er wurde noch immer als ein solcher behandelt, obgleich er in den Dreißigern stand.

Die drei kühnen Männer setzten unter ermutigenden und die Zeit kürzenden angenehmen Gesprächen in geschlossener Phalanx ihren Rückzug fort und bewiesen, obwohl ihnen noch mancher ungewöhnlich starke Windstoß Schrecken einjagte, die Geistesgegenwart, ihre Laterne abzuholen, die sie hinter einem Baume hatten stehen lassen, damit sie den Dieben nicht anzeigte, wohin sie schießen müßten, falls sie etwa Feuer zu geben geneigt wären.

Sie waren längst zu Hause angelangt, die Luft wurde immer kälter, je näher der Morgen kam, der Nebel bewegte sich am Boden entlang wie eine dichte Rauchwolke, das Gras war feucht, die Fußwege und niedrig gelegenen Stellen waren kotig und schlammig, ein naßkalter Wind verkündete sein Nahen durch ein hohles Brausen – und Oliver lag noch immer bewußtlos in dem Graben, wo ihn Sikes niedergelegt hatte. Im Osten zeigte sich das erste matte Morgengrauen – eher dem Tode der Nacht als der Geburt des Tages zu vergleichen. Die Gegenstände, die in der Finsternis unheimlich ausgesehen hatten, nahmen immer bestimmtere Umrisse an und erhielten allmählich ihre gewöhnliche Gestalt. Der Regen rauschte in Strömen nieder und schlug klatschend auf die entlaubten Büsche – aber Oliver empfand kein Ungemach davon; er lag fortwährend hilflos und ohnmächtig auf seinem harten, feuchten Bette von Erde.

Endlich weckte ihn ein empfindlicher Schmerz; er schrie laut auf und erwachte. Sein linker, in der Eile mit einem Tuche verbundener Arm hing schwer und gelähmt an seiner Seite, und das Tuch war mit Blut getränkt. Er war so schwach, daß er sich kaum in eine sitzende Stellung emporzurichten vermochte; er blickte matt nach Hilfe umher und ächzte vor Schmerz. Bebend an allen Gliedern vor Kälte und Erschöpfung, suchte er sich aufzurichten, fiel aber ohnmächtig der Länge nach wieder nieder.

Eine ihn überfallende Ohnmachtsempfindung, die ihm die Warnung zuzuraunen schien, er werde unfehlbar sterben müssen, wenn er noch länger daläge, brachte ihn zum Bewußtsein zurück. Er stand mühsam auf, ihm schwindelte jedoch, und er wankte gleich einem Betrunkenen von einer Seite zur anderen. Er hielt sich nichtsdestoweniger aufrecht und taumelte mit gesenktem Kopfe vorwärts, ohne zu wissen wohin.

In seinem Innern drängten sich ängstigende, verwirrte Gedanken und Bilder. Es war ihm, als wenn er noch zwischen Sikes und Crackit ginge, die ergrimmt miteinander zankten; ihre Worte tönten noch in seinen Ohren, und als ihn ein Fehltritt zum Bewußtsein zurückrief, machte er die Entdeckung, daß er zu den beiden schrecklichen Männern redete, als wenn er sich noch in ihrer Gewalt befände. Dann kam es ihm wieder vor, als wenn er mit Sikes allein wäre, der ihm seine Rolle bei dem beabsichtigten Einbruche einzuprägen suchte. Unbestimmte, düstere Gestalten schwebten an ihm hin und wieder, er schreckte zusammen bei dem vermeintlichen Knalle eines Feuergewehrs, er hörte lautes Rufen und Schreien, vor seinen Augen flimmerten und verschwanden Lichter, es summte ihm vor den Ohren, alles vor Verwirrung und Lärmen, er fühlte sich durch eine unsichere Hand fortgetragen; und während er so halb wachend träumte, peinigte und ängstigte ihn fortwährend ein undeutliches Schmerzgefühl, ein Halbbewußtsein seiner unsäglich jammervollen Lage.

So wankte er weiter und weiter, fast mechanisch durch Gitter oder Lücken in den Hecken kriechend, bis er einen Weg erreicht hatte; und jetzt fing es an so stark zu regnen, daß er wirklich erwachte. Er blickte umher und sah in geringer Entfernung ein Haus, bis zu welchem er sich fortschleppen zu können meinte. Die Bewohner desselben hatten vielleicht Mitleid mit ihm, und wo nicht, so war es doch besser, wie er dachte, in der Nähe menschlicher Wesen zu sterben als allein auf den öden Feldern. Er sammelte seine letzten Kräfte, und eilte so rasch er konnte, dem Hause zu.

Als er näher kam, war es ihm, als wenn er es schon gesehen hätte, wenn er sich auch seiner einzelnen Teile nicht erinnern konnte. Doch ach, die Gartenmauer! Und dort an jener Stelle hatte er sich in der vergangenen Nacht auf die Knie niedergeworfen und die beiden Männer um Erbarmen angefleht. Es war dasselbe Haus, das sie zu berauben versucht hatten. Auf ein paar Augenblicke überkam ihn ein Gefühl so entsetzlichen Schreckens, daß er den Schmerz seiner Wunde vergaß und nur an Flucht dachte. Flucht! Er war kaum imstande, sich auf den Füßen zu halten, und hätte er die Kräfte dazu gehabt, wohin hätte er fliehen sollen? Die Gartentür stand offen, er wankte über den Grasplatz, stieg mit Mühe die Stufen des Portals vor der Haustür hinan und klopfte leise; die Kräfte schwanden ihm, und er sank ohnmächtig nieder.

Gerade zu derselben Stunde stärkten sich Mr. Giles, Brittles und der Kesselflicker nach den Strapazen und Schrecken der Nacht in der Küche durch ein Schälchen Tee, und was es sonst Gutes gab. Nicht, daß es Mr. Giles' Gewohnheit gewesen wäre, zu große Vertraulichkeit mit der niederen Dienerschaft zu pflegen, gegen welche er sich vielmehr der Regel nach nur mit einer leutseligen Herablassung benahm, die stets an seine höhere Stellung in der Gesellschaft erinnerte. Allein Todesfälle, Feuersbrünste und Einbrüche machen alle Menschen gleich, und Mr. Giles saß mit ausgestreckten Füßen am Herde, hatte den linken Arm auf den Tisch gestützt, illustrierte mit dem rechten einen genauen und glühenden Bericht über den nächtlichen Raubanfall, und sein Publikum – zumal die Köchin und das Hausmädchen – hörte ihm in atemloser Spannung zu.