Der gütige Ton, in welchem sie antwortete, ihre freundlich klingende Stimme, ihr sanftes Wesen und der Umstand, daß sie gar keinen Hochmut, kein Mißfallen zeigte, überraschten Nancy dergestalt, daß sie in einen Tränenstrom ausbrach.
«O Lady, Lady!» rief sie, die aufgehobenen Hände leidenschaftlich ringend, «wenn mehrere Ihresgleichen wären, würden weniger meinesgleichen sein – gewiß – gewiß!»
«Setzen Sie sich», sagte Rose; «Ihre Worte gehen mir in der Tat an das Herz. Wenn Sie in bedürftiger Lage oder sonst unglücklich sind, so werde ich mich glücklich schätzen, Ihnen, wenn ich es vermag, beizustehen – glauben Sie es mir. Setzen Sie sich.»
«Lassen Sie mich nur stehen, Lady,» sagte das Mädchen, noch immer Tränen vergießend, «und reden Sie nicht so gütig zu mir, bis Sie mich besser kennen lernen. Doch es wird spät. Ist – ist – jene Tür verschlossen?»
«Ja», erwiderte Rose, einige Schritte zurückweichend, als ob sie im Notfalle der Hilfe nahe zu sein wünschte. «Weshalb aber?»
«Weil ich im Begriff bin, mein Leben und das Leben anderer in Ihre Hände zu legen. Ich bin das Mädchen, das den kleinen Oliver zu Fagin, dem alten Juden, an jenem Abend wieder zurückschleppte, als er das Haus in Pentonville verließ.»
«Sie!» sagte Rose Maylie.
«Ja, ich, Lady. Ich bin die Schändliche, von der Sie ohne Zweifel gehört haben, die unter Dieben lebt und die, Gott helfe mir! solange ich zurückdenken kann, kein besseres Leben oder freundlichere Worte, als meine Genossen mir geben, gekannt hat. Ja, weichen Sie nur immerhin entsetzt vor mir zurück, Lady. Ich bin jünger, als Sie nach meinem Aussehen glauben mögen: allein ich bin daran gewöhnt, und die ärmsten Frauen entziehen sich meiner Berührung, wenn ich durch die dichtgedrängten Straßen gehe.»
«Wie schrecklich!» sagte Rose, sich von dem Mädchen unwillkürlich noch weiter entfernend.
«Danken Sie auf Ihren Knien dem Himmel, geehrte Lady,» rief die Unglückliche aus, «daß Sie Angehörige haben, die Sie in Ihrer Jugend bewacht und gepflegt, und daß Sie niemals wie ich seit der frühesten Kindheit, von Kälte und Hunger, von Völlerei und Trunkenheit und – und von noch etwas viel Schlimmerem, als dieses alles ist, umgeben gewesen sind. Ich darf es sagen, denn elende Gassen und wüste Höhlen sind meine Behausung gewesen und werden mein Sterbebett sein.»