Der Jude gab ihm einen Wink, sie für den Augenblick nicht weiter zu beachten, und nach einigen Minuten saß sie wieder da wie vorhin. Er flüsterte Sikes zu, sie würde von nun an ganz ruhig bleiben, nahm seinen Hut und sagte ihm gute Nacht. An der Tür stand er still, drehte sich noch einmal um und bat, daß ihm jemand auf der dunkeln Treppe leuchten möchte.

«Leucht ihm 'nunter», sagte Sikes, der eben seine Pfeife füllte. «'s wäre schade, wenn er hier selbst den Hals bräche und den Hängezuschauern nichts zu gaffen gäbe.»

Nancy geleitete den alten Mann mit dem Lichte hinunter. Auf dem Hausflur angelangt, legte er den Finger auf den Mund und flüsterte ihr in das Ohr: «Was hattest du, liebes Kind?»

«Wieso?» erwiderte sie, gleichfalls flüsternd.

«Warum du ausgehen wolltest mit Gewalt. Wenn er,» sagte Fagin, mit dem knöchernen Finger nach oben zeigend, «wenn er ist so barbarisch gegen dich – er ist ein Tier, Nancy, ein unvernünftiges, wildes Tier – warum –»

«Nun?» fragte sie, als er, den Mund dicht an ihrem Ohre und die Augen dicht vor den ihrigen, innehielt.

«Laß jetzt gut sein,» fuhr der Jude fort, «wollen ein andermal sprechen davon. Du hast einen Freund an mir, Kind, einen treuen Freund. Ich hab' auch die Mittel – wenn du willst dich rächen an ihm, der dich behandelt wie einen Hund – schlimmer als einen Hund, dem er schmeichelt bisweilen doch – so komm zu mir; komm zu mir, was ich dir sage. Er ist ein Tagesfreund; aber mich kennst du von alters her, Nancy – von alters her.»

«Ich kenne Euch sehr wohl», antwortete das Mädchen, ohne die mindeste Bewegung zu zeigen. «Gute Nacht.»

Sie trat zurück, als er ihr die Hand reichen wollte, sagte ihm aber noch einmal mit fester Stimme gute Nacht, erwiderte den Blick, den er ihr zum Abschiede zuwarf, mit einem hinlängliches Verstehen andeutenden Zunicken und verschloß die Tür hinter ihm.

Fagin kehrte gedankenvoll nach seiner Wohnung zurück. Er war schon seit einiger Zeit der Ansicht, in welcher ihn das soeben Vorgefallene bestärkte, daß Nancy der schlechten Behandlung, welche sie von dem brutalen Sikes erfuhr, müde geworden sei und eine Neigung zu einem neuen Freunde gefaßt habe. Ihr verändertes Wesen, daß sie so häufig allein ausging, ihre verhältnismäßige Gleichgültigkeit gegen den Vorteil oder Schaden der Bande, für welche sie vormals so großen Eifer bewiesen hatte, und dazu ihr so heftiges Verlangen, an diesem Abende und gerade zu einer bestimmten Stunde das Haus noch verlassen zu wollen: dieses alles unterstützte seine Annahme und überzeugte ihn fest von der Richtigkeit derselben. Der Gegenstand dieser neuen Liebschaft des Mädchens befand sich unter den Leuten seines Anhangs nicht. Er mußte mit einer Alliierten wie Nancy eine schätzbare Erwerbung sein, die es so bald wie möglich zu machen galt.