Auch war noch ein anderer und finsterer Zweck zu erreichen. Sikes wußte zu viel, und seine plumpen, beleidigenden Reden hatten Fagin darum nicht minder verletzt und gereizt, weil er es sich nicht merken ließ. Nancy konnte es nicht entgehen, daß sie, sobald sie sich von ihm trennte, vor seiner Wut nicht sicher war und daß er dieselbe ohne allen Zweifel auch an ihrem neuen Liebhaber auslassen würde, so daß die gesunden Gliedmaßen, ja das Leben desselben in offenbarer Gefahr schwebten. Fagin glaubte, sie würde sich leicht bereden lassen, ihn zu vergiften. «Weiber,» dachte er, «haben so etwas und noch Schlimmeres wohl schon getan, um die Ziele zu erreichen, die das Mädchen jetzt verfolgt. Tut sie es, so werde ich von dem gefährlichen Halunken, dem Menschen, den ich hasse, befreit – erhalte einen Ersatzmann für ihn, und mein Einfluß über Nancy ist, bei meiner Kenntnis dieses Verbrechens, fortan ganz unbegrenzt.»
Dies waren seine Gedanken gewesen, während ihn Sikes allein gelassen, und er hatte deshalb beim Fortgehen das Mädchen auszuforschen gesucht. Sie hatte keine Überraschung gezeigt, sich nicht angestellt, als ob sie ihn nicht verstände, vielleicht bewies der Blick, mit welchem sie ihm zum zweitenmal gute Nacht gesagt, klar, daß sie seine Meinung sehr wohl verstanden hatte.
Aber sie weigerte sich vielleicht, in einen Anschlag auf Sikes Leben einzugehen, worauf es hauptsächlich ankam. «Wie kann ich meinen Einfluß bei ihr vergrößern?» dachte der Jude auf seinem Heimwege. «Welche neue Gewalt über sie kann ich mir verschaffen?»
Ein Gehirn, wie das seinige, ist fruchtbar an Hilfsmitteln. Sollte er sie nicht seinen Plänen fügsam machen können, wenn er sie, sofern kein Geständnis von ihr zu erlangen war, von einem Kundschafter beobachten ließ, den Gegenstand ihrer neuen Leidenschaft entdeckte und Sikes (vor dem sie sich in hohem Maße fürchtete) alles zu enthüllen drohte, falls sie nicht einwilligte, zu tun, was er von ihr verlangte.
«Es wird angehen», sagte er fast laut; «hab' ich nur erst ihr Geheimnis, so darf sie mir's nicht abschlagen – so gewiß ihr an ihrem Leben liegt. Ich besitze die Mittel, Nancy, und nur Geduld, Sikes, ich hab' euch, hab' euch beide!»
Er wandte sich mit einer drohenden Handbewegung um und warf einen finsteren Blick nach der Straße zurück, wo er den verwegenen Bösewicht verlassen, und senkte im Weitergehen die knöchernen Hände in die Falten seines zerlumpten Mantels, die er zusammenpreßte, als wenn er einen verhaßten Feind zwischen den spitzigen Fingern hätte.
45. Kapitel.
Noah Claypole wird von Fagin als Spion verwandt.
Der alte Mann stand am anderen Morgen beizeiten auf und erwartete ungeduldig seinen neuen Verbündeten, der sich erst nach einem endlos scheinenden Ausbleiben zeigte und sogleich mit Gier über das Frühstück herfiel.
«Bolter», sagte der Jude, sich ihm gegenüber setzend.