«Hm – so! Ihr setzt Mißtrauen in sie?»
«Sie hat sich gewandt zu neuen Liebhabern, und ich muß wissen, wer die mögen sein.»
«Verstehe schon – um das Vergnügen zu haben, sie kennen zu lernen, wenn es respektable Leute sind – wie? Ha, ha, ha! Verlaßt Euch auf mich.»
«Wußte wohl, daß ich's würde können.»
«Natürlich, natürlich! Wo ist sie? Wo muß ich ihr auflauern? Wann geh' ich los?»
«Ihr sollt das alles hören von mir, mein Lieber, zu seiner Zeit. Haltet Euch bereit nur und überlaßt das übrige mir.»
Sechs Abende saß der Kundschafter gestiefelt und in seinem Kärrneranzuge da, bereit, auf einen Wink von Fagin zu beginnen, und Abend für Abend kehrte der Jude verdrießlich nach Hause zurück und sagte, daß es noch nicht Zeit wäre. Am siebenten – einem Sonntagabend – trat er mit einem Vergnügen ein, das er nicht zu verbergen imstande war.
«Sie geht aus heute abend,» sagte er, «und ich bin gewiß, daß sie geht hin da, wo ist zu erforschen, was ich wünsche zu wissen; denn sie hat allein gesessen den ganzen Tag, und der Mann, vor dem sie sich fürchtet, wird erst zurückkehren gegen Tagesanbruch. Kommt, kommt! Folgt mir geschwind!»
Des Juden Erregtheit steckte auch Noah an, der sogleich aufsprang. Sie verließen das Haus, eilten durch ein Straßen- und Gassenlabyrinth und langten endlich vor einem Gasthause an, in welchem Noah die Krüppel erkannte. Es war elf Uhr vorüber und die Tür verschlossen; sie öffnete sich aber auf ein leises Pfeifen des Juden und schloß sich wieder, als sie geräuschlos hineingegangen waren. Fagin flüsterte kaum, sondern besprach sich mit dem jüdischen Jünglinge durch stumme Zeichen, wies darauf nach dem kleinen Fenster hin und bedeutete Noah, auf einen Stuhl zu steigen und sich die im anstoßenden Zimmer befindliche Person anzusehen.
«Ist das das Frauenzimmer?» flüsterte Noah. «Sie sieht vor sich nieder, und das Licht steht hinter ihr. Ich kann ihr Gesicht nicht erkennen.»