Rose zögerte noch immer, allein der alte Herr legte ihren Arm in den seinigen und zog sie mit sanfter Gewalt fort. Sobald sie verschwunden waren, warf sich Nancy fast der Länge nach auf eine der Treppenstufen nieder und machte ihrer Herzensqual durch bittere Tränen Luft. Nach einiger Zeit stand sie wieder auf und begann mit wankenden Schritten ihren Heimweg. Der erstaunte Horcher blieb noch einige Minuten hinter dem Pfeiler stehen, schlich sodann die Treppe hinauf, lugte vorsichtig umher und eilte dann, so schnell er konnte, nach dem Hause des Juden zurück.
47. Kapitel.
Unglückliche Folgen.
Es war fast zwei Stunden vor Tagesanbruch – die rechte Nachtzeit im Herbste, da, indem sogar der Schall zu schlummern scheint, die Straßen schweigend und verlassen und die Schlemmer und Schwelger nach Hause getaumelt sind, um zu träumen – als der Jude wachend in seiner alten Höhle mit einem so bleichen und verzerrten Gesichte und so roten und blutunterlaufenen Augen dasaß, daß er weniger einem Menschen als einem greulichen, vom Grabe feuchten und von einem bösen Geiste gepeinigten Gespenste glich.
Er kauerte, in eine zerlumpte Bettdecke gehüllt, an einem kalten Herde und hatte die Blicke auf ein dem Erlöschen nahes Licht gerichtet, das auf einem Tische neben ihm stand. Die rechte Hand hielt er, wie in Gedanken verloren, an die Lippen und kaute an seinen langen, schwarzen Fingernägeln, so daß man in dem sonst zahnlosen Munde einige Vorderzähne erblickte, die einem Hunde oder einer Ratte hätten angehören können.
Auf einer Matratze am Boden ausgestreckt lag Noah Claypole in festem Schlafe. Zwischen ihm und dem Lichte schweiften die zerstreuten Blicke des alten Mannes bisweilen hin und wieder, in dessen Innerem, einander drängend, unruhige Gedanken und stürmische Leidenschaften wogten und wühlten – bitterer Verdruß über das Mißlingen seines gewinnverheißenden Planes, tödlicher Haß gegen das Mädchen, das hinterlistig mit Fremden zu verkehren gewagt hatte, gänzliches Mißtrauen in die Aufrichtigkeit ihrer Weigerung, ihn zu verraten, Ingrimm darüber, sich an Sikes nicht rächen zu können, Furcht vor Entdeckung, Verurteilung und Tod, die wildeste, durch das alles entzündete Wut und neue Pläne der Arglist und schwärzesten Bosheit. Er saß da, ohne auch nur im mindesten seine Stellung zu verändern oder anscheinend die Zeit zu beachten, bis der Schall von Fußtritten auf der Straße bei seinem feinen Gehör seine Aufmerksamkeit zu erregen schien.
«Endlich,» murmelte er, über die trocknen, fieberheißen Lippen mit der Hand hinfahrend, «endlich!»
Die Glocke ertönte leise, er ging hinaus und kehrte bald darauf mit einem Manne zurück, der bis an das Kinn vermummt war und ein Bündel unter dem Arme trug. Es war Sikes.
«Da», sagte der verwegene Raubgesell, das Bündel auf den Tisch werfend. «Mach draus, was du kannst. Es hat mir Mühe genug gekostet; ich meinte schon vor drei Stunden hier sein zu können.»
Fagin verschloß das Bündel, setzte sich wieder, blieb stumm, blickte jedoch nach Sikes scharf hinüber, und seine Lippen zitterten so heftig, und sein Gesicht war infolge der in ihm wühlenden Leidenschaften so verändert, daß der Dieb unwillkürlich sich zurücklehnte und ihn bestürzt ansah.