Er stieg hinauf, stieß in sein Horn, und die Diligence rasselte fort.

Sikes stand da, anscheinend unbewegt und nur zweifelhaft, wohin er sich wenden sollte. Endlich schlug er den Weg nach St. Albans ein.

Als er die Stadt hinter sich hatte und sich in der Finsternis auf der einsamen Straße befand, bemächtigte sich seiner eine Beängstigung, so furchtbar, wie wenn sie ihm das Herz abdrücken wollte. Alles um ihn her, wirkliche Gegenstände wie Schatten, ob es sich regen mochte oder nicht, nahm eine schreckliche Gestalt an; allein noch unendlich fürchterlicher war die greuliche der Erschlagenen, die ihm dicht auf den Fersen mit feierlichen, geisterhaften Schritten nachfolgte. Er sah sie deutlich in der Finsternis, hörte ihre Kleider in den Blättern rauschen, und jeder Windhauch führte seinem Ohre ihr letztes leises Ächzen zu. Stand er still, so tat sie es ihm nach; lief er, so folgte sie ihm auch – nicht im Laufe, was ihm eine Herzenserleichterung gewesen sein würde – sondern wie eine Leiche, begabt nur mit mechanischer Bewegungskraft und getragen von einem traurigen, langsam daherrauschenden und sich weder verstärkenden noch abnehmenden Lufthauche.

Mehreremal drehte er sich mit einem verzweifelten Entschlusse um, gewillt, das Phantom zu verscheuchen, und wenn es ihn mit seinen Blicken tötete; aber dann stand ihm das Haar zu Berge und das Blut still, denn die Gestalt hatte sich mit ihm umgedreht und war fortwährend hinter ihm. Am Morgen war sie vor ihm hergegangen – jetzt folgte sie ihm. Er stellte sich mit dem Rücken an die Wand eines steilen Grabens und hatte das Gefühl, daß sie, in deutlichen Umrissen gegen den kalten Nachthimmel abstechend, vor ihm stand. Er warf sich nieder auf die Straße, und sie stand ihm zu Häupten, aufgerichtet, stumm und regungslos, gleich einem lebendigen Grabsteine mit blutgeschriebener Inschrift.

Sage niemand, daß Mörder der Gerechtigkeit entgingen oder daß die Vorsehung schlummere! Der Mörder Sikes erduldete in einer einzigen Minute die Angst und Pein eines gewaltsamen Todes hundertfach.

Er erblickte einen Schuppen in einem Felde, welcher ein Obdach für die Nacht darbot. Vor der Türe desselben standen drei hohe Pappelbäume, die das Innere noch finsterer machten, und der Wind säuselte unheimlich in ihren Blättern. Es war unmöglich, er konnte nicht bis zu Tagesanbruch fortwandern und streckte sich dicht an der Wand nieder – um neuen Qualen zum Raube zu werden. Denn jetzt trat ein Gesicht vor ihn, noch schrecklich beharrlicher und grausiger als das, welchem er entronnen war. Zwei starre, halbgeöffnete Augen, glanzlos und gläsern, erschienen ihm mitten in der Finsternis, hatten ihr eignes Licht, gaben aber keins von sich. Es waren ihrer nur zwei, aber sie waren überall. Bedeckte er seine Augen, so stand sein Zimmer mit allem, was es enthielt, so deutlich vor ihm, wie wenn er sich darin befände. Alles war an seinem Orte, auch die Leiche an dem ihrigen, und ihre Augen waren so gläsern und starr wie in der Minute, als er hinausschlich. Er sprang auf und eilte wieder in das Freie. Die Gestalt war hinter ihm. Er ging in den Schuppen zurück und drückte sich wieder dicht an die Wand, und die Augen waren wieder da, noch bevor er sich niedergelegt hatte.

Er bebte an allen Gliedern, und kalter Angstschweiß bedeckte ihn von Kopf bis zu Füßen, als plötzlich aus weiter Ferne verwirrtes Rufen und Schreien an sein Ohr drang. Es erschien ihm als eine Wohltat, eine wirkliche Ursache zu Furcht und Schrecken zu erhalten. Kraft und Mut kehrten ihm bei der Aussicht auf persönliche Gefahr zurück, er raffte sich auf, eilte hinaus und sah den Himmel weithin von einer furchtbaren Feuersbrunst gerötet. Die Sturmglocke ertönte, und lauter und lauter wurde der Lärm und das Getöse. Es war ihm, als wäre ein neues Leben in ihm erwacht. Er rannte, sein Hund wie toll vor ihm her, nach der Richtung hin, über Hecken und Gräben, Mauern und Tore, kein Hindernis achtend, und langte atemlos an.

Es standen viele Häuser in Flammen, und die Angst, das Geräusch, die Verwirrung waren grenzenlos. Er schrie selbst mit, bis er heiser war, und stürzte sich, um seinem Gedächtnisse und sich selbst zu entfliehen, in den dichtesten Haufen, arbeitete bald an den Spritzen, erstieg bald auf wankenden Leitern die höchsten Dachgiebel, war überall und trotzte jeder Gefahr; allein er schien ein bezaubertes Leben zu haben und empfand, bis der Tag graute, keine Spur von Ermüdung, trug nicht die kleinste Brandwunde, keine Beule, keine Schramme davon.

Als jedoch die wahnsinnige Aufregung vorüber war, kehrte ihm mit zehnfacher Gewalt das schreckliche Bewußtsein seines Verbrechens zurück. Er blickte argwöhnisch umher, denn die Leute standen hier und da beieinander und redeten untereinander, und er fürchtete, der Gegenstand ihrer Gespräche zu sein. Der Hund gehorchte seinem Winke, und beide stahlen sich davon. Die Wärter einer Spritze forderten ihn auf, ihren Morgenimbiß mit ihnen zu teilen. Er nahm ein Stück Brot und einen Trunk Bier an. Sie waren aus London und fingen an, von der Mordtat zu sprechen. «Er ist nach Birmingham gegangen,» sagte einer von ihnen, «aber sie werden ihn bald fassen, denn die Polizei hat ihre Späher schon ausgeschickt, und bis morgen wird nur der eine Schrei im ganzen Lande sein. ‚Wo ist der Mörder?‘»

Er eilte fort und ging, solange die Füße ihn tragen wollten, warf sich an einem entlegenen Orte nieder, verfiel in einen langen, aber unruhigen, oft unterbrochenen Schlaf, setzte unentschlossen und ungewiß, geängstet von der Furcht vor einer zweiten einsamen Nacht, seine Wanderung wieder fort und faßte plötzlich den verzweifelten Entschluß, nach London zurückzukehren.