Oliver befand sich unterdes auf dem Wege zum Buchhändler, ohne zu ahnen, daß er dem lustigen alten Juden so nahe wäre. Er geriet in eine Nebengasse unweit Clerkenwell, bemerkte seinen Irrtum erst, als er sie bereits über die Hälfte durchwandert hatte, und hielt es für das beste, um keine Zeit zu verlieren, ihr zu folgen, da sie ihn, wie er meinte, auch an sein Ziel führen müsse. Er trabte munter vorwärts und dachte an sein Glück, und was er darum geben würde, wenn er den armen kleinen Dick daran teilnehmen lassen könnte, als er durch den lauten Ruf: «O mein lieber kleiner Bruder!» aus seinen Träumereien aufgeschreckt wurde. Als er aufblickte, umschlossen ihn schon die Arme eines jungen Mädchens.
«Lassen Sie mich los!» rief Oliver, sich sträubend. «Wer sind Sie? Was halten Sie mich an?»
Die einzige Antwort darauf war ein Schwall lauter Klagen von seiten des jungen Mädchens, das einen kleinen Korb und einen Hausschlüssel in der Hand hatte.
«O gütiger Himmel!» rief das Mädchen aus. «Endlich hab' ich dich gefunden. Ach, Oliver, o du böser Junge, was hab' ich um deinetwillen ausgestanden! Gott sei Dank, daß ich dich endlich gefunden habe!»
Das junge Frauenzimmer brach in eine Tränenflut aus und schien so heftige Krämpfe zu bekommen, daß ein paar mitleidige Frauen einen dastehenden Fleischerburschen fragten, ob er nicht meinte, daß er zu einem Doktor laufen müsse, worauf der Fleischerbursche, der eine sehr große Ruhe, wo nicht ein beträchtliches Phlegma zu besitzen schien, erwiderte, daß seine Meinung nicht dahin ginge.
«Nein, nein, laßt mich nur», rief jetzt auch das junge Mädchen; «ich fühle mich schon besser. Und nun komm, mein Junge, geh sogleich mit mir, mein böser kleiner Liebling.»
«Was gibt's denn?» fragte eine der umstehenden Frauen.
«Ach, er ist vor vier Wochen seinen Eltern entlaufen, guten Leuten, die sich redlich von ihrer Hände Arbeit nähren, und hat sich unter Gauner und Landstreicher begeben, daß seine Mutter fast vor Kummer gestorben wäre.»
«O du kleiner Taugenichts! – Mach, daß du nach Hause kommst, du ungeratener Bengel!» riefen die Weiber.
«Ich bin meinen Eltern nicht entlaufen!» rief Oliver in großer Angst. «Ich habe weder Schwester noch Eltern. Ich bin eine Waise und wohne in Pentonville.»