Mit Hilfe seiner unentbehrlichen Mütze stellte er einen Mann dar, dessen Ellenbogen hinten mit zusammengebundenen Stricken an den Hüften befestigt sind.

„Ich bleibe bei meinem Steinhaufen stehen, um die Soldaten und ihren Gefangenen vorbeigehen zu sehen (denn es ist eine einsame Straße, wo Alles, was vorbeikommt, des Ansehens werth ist), und zuerst — wie sie näher kommen — sehe ich weiter nichts, als daß es sechs Soldaten sind mit einem gebundenen langen Mann und daß sie fast schwarz aussehen — außer an der Seite, wo die Sonne zu Bett geht, wo sie einen rothen Rand haben, Messieurs. Auch sehe ich ihre langen Schatten auf der andern Seite der Straße gleich den Schatten von Riesen. Auch gewahre ich, daß sie mit Staub bedeckt sind und daß sich der Staub mit ihnen fortbewegt, wie sie herankommen, tramp, tramp! Aber wie sie ganz nahe kommen, erkenne ich den langen Mann und er erkennt mich. O wie gerne würde er den Abhang hinuntergesprungen sein wie an dem Abend, wo er und ich zuerst uns sahen dicht bei demselben Fleck!“

Er beschrieb es als ob er dort wäre und es war offenbar, daß er Alles lebendig vor sich sah; vielleicht hatte er in seinem Leben nicht viel gesehn.

„Ich verrathe den Soldaten nicht, daß ich den langen Mann kenne; er verräth den Soldaten nicht, daß er mich erkennt: wir sprechen mit den Augen mit einander. „„Vorwärts““ sagt der Anführer der Soldaten und wies auf das Dorf, „„bringt ihn rasch in sein Grab!““ Und sie trieben ihn rascher vorwärts. Seine Arme sind geschwollen, weil sie fest zusammengeschnürt sind; seine Holzschuhe sind groß und schwer und er geht lahm. Weil er lahm geht und daher langsam, stoßen sie ihn mit ihren Flinten vorwärts — so!“

Er macht die Bewegung eines Mannes nach, der von Flintenkolben fortgestoßen wird.

„Wie sie — wie toll — den Abhang hinunterlaufen, fällt er. Sie lachen und heben ihn wieder auf. Sein Gesicht ist blutig und mit Staub bedeckt, aber er kann es nicht abwischen; darauf lachen sie wieder. Sie bringen ihn in das Dorf; das ganze Dorf läuft zusammen; sie führen ihn an der Mühle vorbei und hinauf nach dem Gefängniß; das ganze Dorf sieht das Gefängnißthor in der dunkeln Nacht sich aufthun und ihn verschlingen — so!“

Er sperrt den Mund auf, so weit er kann und macht ihn wieder zu, daß die Zähne auf einander klappen. Als er keine Lust zeigte, den Effect dadurch zu verderben, daß er den Mund wieder aufmachte, sagte Defarge zu ihm: „Weiter, Jacques!“

„Das ganze Dorf geht wieder heim“ fährt der Straßenarbeiter mit gedämpfter Stimme weiter fort; „das ganze Dorf flüstert sich am Brunnen in die Ohren; das ganze Dorf schläft; das ganze Dorf träumt von dem Unglücklichen hinter den Schlössern und Riegeln des Gefängnisses auf dem Felsen, das er nie wieder verlassen soll, außer um zu sterben. Des Morgens mache ich, mit meinem Arbeitszeug auf der Schulter und im Gehen einen Bissen schwarzes Brod essend wie ich auf die Arbeit gehe, einen Umweg an dem Gefängniß vorbei. Dort sehe ich ihn hoch oben hinter dem eisernen Gitter eines Fensters mit blutigem und bestaubtem Gesicht wie den Abend vorher. Er hat keine Hand frei, um mir zuzuwinken; ich wage nicht ihn anzurufen; er sieht mich an wie ein todter Mann.“

Defarge und die drei Andern sahen sich finster an. Die Gesichter von allen Vieren hatten einen finstern, ingrimmigen, rachedürstenden Ausdruck, wie sie der Erzählung des Landmanns zuhörten. Sie benahmen sich dabei mit einem heimlichen Wesen, das doch zugleich etwas von einer Amtsmiene hatte. Sie hatten fast das Aussehen eines Gerichts; Jacques Eins und Zwei saßen auf dem alten Lotterbett, das Kinn auf die Hand gestützt und die Augen gespannt auf den Straßenarbeiter geheftet; Jacques Drei hinter ihnen, mit einem Knie auf das Bett gestützt und mit seiner aufgeregten Hand beständig über Mund und Nase fahrend; Defarge zwischen ihnen und dem Erzähler stehend, den er in das Licht an das Fenster postirt hatte, und abwechselnd diesen und die drei Andern ansehend.

„Weiter, Jacques,“ sagte Defarge.