„Dort oben in seinem Käfig bleibt er einige Tage. Das Dorf sieht verstohlen zu ihm hinauf, denn es fürchtet sich. Aber es sieht von Weitem beständig zu dem Gefängniß auf dem Felsen hinauf; und des Abends wenn die Tagesarbeit gethan ist und es sich um den Brunnen versammelt, um zu plaudern, wendeten sich alle Gesichter dem Gefängniß zu. Früher wendeten sie sich dem Posthause zu; jetzt blicken sie nach dem Gefängniß. Halblaut flüstern sie sich am Brunnen zu, daß er, obgleich zum Tode verurtheilt, nicht hingerichtet werden würde; sie erzählen sich, daß Bittschriften nach Paris gegangen sind, um vorzustellen, daß er durch den Tod seines Kindes wahnsinnig geworden; sie sagen, daß man dem König selbst eine solche Bittschrift überreicht habe. Was weiß ich? Es ist möglich. Vielleicht ja, vielleicht nein.“
„So hört denn, Jacques“ unterbrach Nummer Eins dieses Namens mit finsterem Ernste. „Wißt, daß eine Bittschrift dem König und der Königin überreicht wurde. Wir alle hier, Ihr selbst ausgenommen, haben gesehen, wie der König in seinem Wagen neben der Königin sitzend sie auf der Straße entgegennahm. Defarge, der hier steht, sprang auf Gefahr seines Lebens mit der Bittschrift in der Hand vor die Pferde.“
„Und hört noch weiter, Jacques!“ sagte der dahinterkniende von den Dreien; seine Finger glitten immer noch über das Gesicht mit einer auffällig gierigen Miene, als ob er nach etwas hungerte — was weder Speise noch Trank war. „Die Leibwache zu Fuß und zu Pferd umringte den Bittsteller und schlug ihn. Hört Ihr!“
„Ich höre, Messieurs.“
„Weiter also,“ sagte Defarge.
„Auf der andern Seite flüstern sie sich an den Brunnen zu“ fuhr der Erzähler fort, „daß er her zu uns geschafft worden ist, um an Ort und Stelle hingerichtet zu werden und daß er ganz gewißlich hingerichtet werden würde. Sie flüstern sich sogar einander zu, daß, weil er Monseigneur ermordet hat und weil Monseigneur der Vater seiner Unterthanen war, er als Vatermörder hingerichtet werden soll. Ein alter Mann sagt am Brunnen, daß man einem solchen die rechte Hand mit dem Messer verbrennt; daß man ihn in Einschnitte, welche man in seine Brust, in seine Beine und seine Arme macht, siedendes Oel, geschmolzenes Blei, brennendes Harz und brennenden Schwefel gießt, und daß man ihn endlich von vier starken Pferden in Stücke zerreißen läßt. Dieser alte Mann sagt, daß man dieß alles wirklich einem Missethäter zufügte, der einen Mordversuch auf den vorigen König, Ludwig XV. gemacht hatte. Aber wie kann ich wissen, ob er lügt oder nicht? Ich bin kein Gelehrter.“
„So merkt noch einmal wohl auf, Jacques!“ sagte der Mann mit der ruhelosen Hand und der gierigen Miene. „Der Name dieses Missethäters war Damiens und es geschah Alles bei hellem Tage und auf offener Straße in dieser Stadt Paris; und nichts fiel unter der unermeßlichen Menschenmenge, welche zusah, mehr auf, als die vielen vornehmen Damen, welche voll heißer Neugier bis zuletzt aushielten — Jacques, bei sinkender Nacht, wo ihm die Beine und ein Arm ausgerissen waren und er immer noch athmete! Und das geschah — wie alt seid Ihr?“
„Fünf und dreißig“ sagte der Straßenarbeiter, der wie sechszig aussah.
„Es geschah, als Ihr mehr als zehn Jahre alt waret; Ihr hättet es also sehen können.“
„Genug!“ sagte Defarge mit ingrimmiger Ungeduld. „Es lebe der Teufel! Weiter!“